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Artikel | Gesundheits-Tipp 6+7/2000

Auf der virtuellen Couch

Online-Psychotherapien: Der Trend aus den USA stösst in der Schweiz auf Widerstand.

Computer statt Couch: In vielen Ländern explodiert die Zahl der Psychotherapeuten, die therapeutische "Gespräche" im Internet anbieten. Schweizer Therapeuten haben fachliche Bedenken.

Computer statt Couch: In vielen Ländern explodiert die Zahl der Psychotherapeuten, die therapeutische "Gespräche" im Internet anbieten. Schweizer Therapeuten haben fachliche Bedenken.

Psychologische Beratungen im Internet boomen. Besonders beliebt ist das Therapiegespräch im Netz in den USA, in Grossbritannien und Australien.

Das Prinzip ist einfach: Die Patientin schreibt dem Therapeuten ihrer Wahl ein E-Mail. Darin schildert sie ihre Lebenssituation und ihr spezielles Problem. Der Therapeut antwortet und stellt für seinen Ratschlag einen bestimmten Betrag in Rechnung. Daraus kann sich ein jahrelanger Austausch am Computer entwickeln, zwischen Menschen, die sich nie gesehen haben.


Jederzeit und distanziert: Manchmal einfacher

Allein der US-Konsumentendienst "Metanoia" erfasst heute über 160 Therapie-Angebote im Netz. Vor fünf Jahren waren es 12. Die Zahl der Anbieter hat sich in den USA also mehr als verhundertfacht.

Online-Therapien haben mehrere Vorteile:

° Der Kontakt zum Therapeuten wird für viele Menschen einfacher, gerade weil sie ihn nicht sehen. Es fällt ihnen leichter, ihre Gedanken und Gefühle dem Computer anzuvertrauen als einem lebenden Menschen. So kann der E-Mail-Austausch zum Einstieg in eine "richtige" Therapie werden für Menschen, die zwar eine Behandlung brauchen, sie aber bisher abgelehnt haben.

° Der Kontakt per E-Mail ist nicht an Termine gebunden und daher gerade für Berufstätige attraktiv. Klientin und Therapeut können sich zu völlig verschiedenen Zeiten an den Computer setzen - auch um drei Uhr morgens, wenn sie das wollen.

° Am Computer gibt es keinen Zeitdruck. Die Menschen können gründlich nachdenken und ihre Gedanken genau formulieren, ohne sich sorgen zu müssen, dass die teure Therapiestunde gleich zu Ende ist.

° Der E-Mail-Kontakt ist oft billiger als eine "richtige" Therapiesitzung.

In der Schweiz stösst die neue Form des psychotherapeutischen Kundendienstes im Internet häufig auf Ablehnung. Was den Befürwortern als grösste Chance dieses Kontaktes erscheint, ist für die Gegner dessen grösster Nachteil: Patient und Therapeut können sich nicht sehen.

Franz Eidenbenz, Psychotherapeut FSP und Gründer der ersten Selbsthilfegruppe für Internet-Süchtige in Zürich, hat deshalb Bedenken. Das Netz sei gut, um Angebote oder Tarife zu präsentieren. Eine qualitativ hoch stehende Behandlung hält er jedoch für "unmöglich", weil es keinen direkten Kontakt zwischen Klient und Therapeutin gibt. "Sie können sich nicht sehen, nicht hören und kein Gefühl für Nähe und Distanz entwickeln. Genau diese Begegnung ist aber wesentlich für die Heilung", sagt Eidenbenz.

Die wenigen E-Mail-Pioniere unter Schweizer Psychotherapeuten haben Sorge um ihren guten Ruf bei den Kollegen. Sie verteidigen sich, sobald man sie auf ihren Service anspricht. So auch die Bündner Psychotherapeutin Christine Casanova Waser. "Was ich mache, ist keine Therapie", meint sie. Dabei bietet sie auf ihrer Webseite "Beratung in Konflikt- oder Krisensituationen" an, wahlweise via Telefon oder E-Mail. Einen Preis hat der Service auch: 37 Franken pro Viertelstunde Arbeitszeit. "Da können die Leute nur ein paar Fragen stellen", wiegelt sie ab.

Piero Rossi, ein anderer Pionier, hat den Service Ende vergangenen Jahres sogar "aus methodischen Gründen" wieder abgeschafft.

Martin Denz, Arzt und Psychotherapeut im Unispital Zürich, kann nur den Kopf darüber schütteln, wie seine Kollegen sich zurückhalten. Für ihn führt kein Weg an der neuen Technologie vorbei. Sie kann seiner Ansicht nach die bisherige Patientenbeziehung erweitern. "Auch bei uns werden die Psychotherapeuten noch konsequenter lernen müssen, dass nicht nur das für die Patienten gut ist, was Experten für richtig halten", sagt Denz. "Ganz wesentlich ist auch, was mündige Pat

26. Mai 2000


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