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Artikel | saldo 18/2000

Grippe - Impfen ist umstritten

Das Bundesamt für Gesundheit propagiert die Grippeimpfung. Bisher mit wenig Erfolg. Doch jetzt kommt der Nasenspray als Alternative zur Spritze.

Die Influenza, im Volksmund Grippe genannt, kostet die Schweizer Volkswirtschaft jährlich rund eine halbe Milliarde Franken. Zu diesem Ergebnis gelangt Professor Thomas Szucs, Leiter der Abteilung Medizinische Ökonomie am Zürcher Universitätsspital.

Diese Zahlen beunruhigen auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Seit Jahren propagiert es die Schutzimpfung. Doch die Kampagnen haben nur wenig Erfolg: Im letzten Jahr liessen sich lediglich 13 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer freiwillig gegen Grippe impfen. Der Rest liess unter dem Motto "Lieber heilen als vorbeugen" die Grippewelle auf sich zukommen.

Die Entwicklung neuer Grippeschutzmittel hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Neue Produkte wie Tamiflu von Roche Pharma und Relenza der Glaxo Wellcome AG sind imstande, gezielt das Virus und nicht nur die Symptome der Grippe zu bekämpfen. Doch das Ergebnis ist mager: Die Krankheitsdauer wird gerade um ein bis zwei Tage verkürzt und die Krankheitssymptome etwas abgeschwächt. Und das auch nur, wenn die rezeptpflichtigen Medikamente spätestens 36 Stunden nach der Infektion eingenommen werden. Zu einem Zeitpunkt also, da die wenigsten Patienten bereits zum Arzt gehen. Die happigen Preise um die 80 Franken machen die Medikamente zudem für viele unerschwinglich.


Sprayimpfung ist dreimal teurer als Spritzimpfung

Gerade noch rechtzeitig vor der nächsten Grippewelle hat das Schweizerische Serum- und Impfinstitut Berna die Zulassung für eine neue Influenza-Impfung erhalten. Bei Nasalflu Berna handelt es sich um den einzigen Influenza-Impfstoff, der nicht gespritzt werden muss. Die Impfung wird zweimal in die Nase gesprayt, wo sie eine Schutzbarriere aufbaut. Da über die Nase in den meisten Fällen auch die Ansteckung erfolgt, haben Viren keine Chance, in den Organismus zu gelangen. Die Wirkung ist genauso zuverlässig wie bei Spritzimpfungen. Die Erfolgsquote liegt bei 80 Prozent. Doch Nasalflu Berna hat seinen Preis: Es kostet Fr. 63.20 und wird ebenfalls nur gegen Rezept abgegeben.

Manuela Bloch von der Bellevue-Apotheke in Zürich sieht in der einfachen Anwendung der Impfung den Hauptgrund für den bereits sehr guten Absatz des Sprays. "Viele Kundinnen und Kunden kaufen, weil das Produkt nicht gespritzt werden muss." Da spiele der Preis eine nebensächliche Rolle. "Wer Geld sparen will, kann immer noch die billigere Spritze verlangen, die ab 18 Franken zu erhalten ist", argumentiert Manuela Bloch.


Lifestyle-Arzneien werfen viel mehr Gewinn ab

Daniela Müller, Expertin für Grippe beim BAG, hofft, dass Nasalflu als Alternative zur herkömmlichen Grippeschutzimpfung bei den Konsumenten trotz des hohen Preises gut ankommen wird. Hauptsache, die Leute unternehmen etwas gegen die Grippe, sagt sich das BAG.

Für den Luzerner Arzt Peter Mattmann hält sich die Euphorie um die neuen Medikamente jedoch in Grenzen: Für ihn ist die Einführung von Nasalflu die Bestätigung einer Trendwende in der Entwicklung von Arzneimitteln. "Weil die Herstellung neuer Medikamente für kleine Krankheitsgruppen wenig Gewinn abwirft, forciert man bei den Pharmamultis so genannte Lifestyle-Medikamente. Das sind für mich Medikamente, die an alle, auch an Gesunde, abgegeben werden."

Mattmann ist beim Verschreiben oder Verabreichen von Grippeimpfungen zurückhaltend. "Wer als gesunder Mensch von einer Grippe befallen wird, soll diese mit herkömmlichen Mitteln auskurieren", meint er. Er vertritt die Ansicht, dass nur alte und gesundheitlich anfällige Patienten gegen Grippe geimpft werden sollten.

Max Fässler

08. November 2000


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