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Viele Zahnärzte lassen sich bei der Honorierung ihrer Leistungen nicht gerne in die Karten schauen. Der Preisüberwacher hat nun genug von diesem Versteckspiel und fordert Transparenz.
Der Gang zum Zahnarzt stand wieder einmal an. Marianne S., seit drei Monaten in Zürich wohnhaft, suchte im Telefonbuch einen Zahnarzt in ihrer Nähe und verabredete einen Termin. Nach der Untersuchung empfahl der Arzt, drei Löcher behandeln und den Zahnstein entfernen zu lassen. Als Studentin mit knappem Budget verlangte Marianne S. einen Kostenvoranschlag.
Tarife werden gehütet wie das Bankgeheimnis
Als dieser einige Tage später per Post ins Haus flatterte, wunderte sich Marianne S. Die Kostenschätzung des Zahnarztes für die empfohlene Behandlung lag bei 1800 Franken. «Ich konnte anhand des Voranschlags nicht feststellen, wie hoch die Kosten für die einzelnen Behandlungsschritte sind. Da standen für Laien unverständliche Einträge ohne Preisangabe und unten nur die Gesamtsumme.»
Verunsichert, ob denn diese Kostenschätzung realistisch sei, fragte Marianne S. bei der zahnärztlichen Begutachterkommission des Kantons Zürich nach. Ohne Erfolg. Die Begutachter der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft (SSO) überprüfen lediglich Rechnungen, nicht aber Kostenvoranschläge auf ihre Richtigkeit.
Marianne S. ist nicht die einzige Patientin, die Mühe hat, Kostenvoranschläge und Rechnungen von Zahnärzten zu entziffern. Es gibt etliche Zahnärzte, die auf ihren Formularen weder den Taxpunktwert noch die Anzahl Taxpunkte pro Leistung auflisten, obwohl die beiden Werte laut der SSO ausgewiesen werden müssten. «Der Patient hat Anrecht auf eine detaillierte Rechnung. Kommt ein Zahnarzt dieser Forderung nicht nach, schreitet die SSO ein, wenn der Patient dies wünscht», betont Peter Jäger, Pressesprecher der SSO.
Nicht alle Zahnärzte lassen sich aber gerne in die Karten schauen. Manche hüten ihren Taxpunktwert wie das Bankgeheimnis. So verweigerten zwei von zehn Zahnärzten bei einer telefonischen Anfrage von saldo kategorisch die Auskunft über ihren Taxpunktwert. Und auch die SSO geht nicht mit gutem Beispiel voran. 1999 hob sie den maximalen Taxpunktwert von Fr. 3.90 auf Fr. 4.95 an und informierte darüber lediglich auf ihrer Homepage.
«185 000 Franken Jahreseinkommen sollte ausreichen»
Dabei müssten Zahnärzte selbst bei einem Taxpunktwert von Fr. 3.10, wie er bei Unfällen von der Suva oder bei Sozialhilfebezügern bezahlt wird, nicht hungern. «Dem Suva-Taxpunktwert liegt immerhin ein Einkommen von 200 000 Franken zu Grunde», sagt Manuel Jung, der mit dem Dossier bei der Preisüberwachung betraut ist. «Selbst bei Ärzten mit ihrer längeren Ausbildung sind wir der Meinung, dass im Durchschnitt ein Jahreseinkommen von 185 000 Franken ausreichen sollte.»
Die Entwicklung der Preise ist für Jung aber nicht die Hauptsorge. «Es gibt in der Schweiz vielmehr ein Tarifniveauproblem. Das hat die europäische Vergleichsstudie 1999 gezeigt. Gemäss dieser Studie werden in der Schweiz kaufkraftbereinigt substanziell höhere Zahnarztpreise bezahlt als beispielsweise in Deutschland.»
Taxpunkte: Spielwiese für die Zahnärzte
Bei der SSO hat man kein Verständnis für die Sorgen der Preisüberwacher. «Die erwähnte Studie ist nicht brauchbar», betont Alexander Weber, Sekretär der SSO. Die massive Erhöhung des oberen Taxpunktwertes sei gerechtfertigt. Laut Pressesprecher Jäger soll sie auch für die nächsten fünf bis zehn Jahre gültig bleiben.
Ein niedriger Taxpunktwert alleine ist aber noch keine Garantie für eine günstige Behandlung. «Selbst wenn der Patient den Wert kennt, kann er nur ungefähr erahnen, wie viel die Behandlung am Schluss kosten wird», kritisiert Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) das Versteckspiel der Zahnärzte, wenn es um die Preise geht.
Denn neben dem Taxpunktwert kann der Arzt zusätzlich die Anzahl Taxpunkte pro Leistung variieren. Hier eröffnet sich dem Zahnarzt eine wahre Spielwiese für die Höhe seiner Rechnungen. Wer beispielsweise drei Löcher flicken lassen will - inklusive Voruntersuchung und zwei Röntgenbildern -, zahlt bei einem günstigen Zahnarzt mit einem Taxpunktwert von Fr. 3.10 und der jeweils niedrigsten Anzahl Taxpunkte Fr. 838.55.
Ganz anders sieht die Rechnung aus, wenn der Zahnarzt den von der SSO empfohlenen maximalen Taxpunktwert von Fr. 4.95 und überall die höchst mögliche Anzahl Taxpunkte verrechnet. In diesem Fall muss der Patient Fr. 1744.85 hinblättern. Differenz: satte Fr. 906.30. So wird der Gang zum Zahnarzt zur teuren Lotterie ohne Gewinnchancen.
Unabhängige Ombudsstellen gibt es nicht
«Die Patienten sind dem Arzt ausgeliefert» sagt Walpen, «selbst im Streitfall sind die Begutachter der SSO mit Vorsicht zu geniessen, da sie ja nicht unabhängig sind.» Die Stiftung für Konsumentenschutz wünscht sich deshalb eine unabhängige Ombudsstelle, die den Zahnärzten auf die Finger schaut.
Auch Preisüberwacher Werner Marti fühlt den Zahnärzten seit kurzem auf den Zahn: «Wenn die Preise nicht transparent auf dem Tisch liegen, besteht die Gefahr, dass der Wettbewerb zum Erliegen kommt und die Mehrheit der Zahnärzte im Windschatten dieser Intransparenz zu teure Rechnungen stellen können.»
«Preisabsprachen sind nicht auszuschliessen»
Nach Vorstellung von Marti sollen sich die Konsumenten bereits vor Betreten der Zahnarztpraxis über das dort praktizierte Preisniveau informieren können und einen Preisvergleich zwischen verschiedenen Praxen durchführen können. «Nur wenn das gewährleistet wird, kommt der von der SSO behauptete Preiswettbewerb in Gang», sagt Marti. «Wir haben deshalb die Zahnärzte kürzlich aufgefordert, ihre Taxpunktwerte sowie den Preis der 10 bis 20 wichtigsten Leistungen öffentlich zu machen.»
Mit dieser Forderung beisst Werner Marti bei der SSO jedoch auf Granit. «Wir sehen das Anliegen schon, aber wir können keine Preistafel aufstellen wie bei einer Metzgerei», rechtfertigt Peter Jäger die gängige Praxis in den Arztpraxen. «Bei einer Füllung weiss ein Zahnarzt nicht zum Voraus, wie tief die Karies ist. Deshalb ist ein fixer Betrag Unsinn.» Solche Angaben würden die Patienten mehr verwirren, als dass sie helfen könnten.
Eine Argumentation, die der Preisüberwacher nicht nachvollziehen kann. «Gerade die Metzger beweisen ja, dass die Preisbekanntgabe trotz zunehmender Komplexität der Produkteherkunft ihrer Waren durchführbar ist.» Ob für Abfallentsorgung, Taxifahrten, Bankdienstleistungen oder eben Zahnarztleistungen, für alle seien die gleichen ökonomischen Gesetze gültig.
Werner Marti will vorerst nur gegen die bestehende Preis-Intransparenz vorgehen. Nur so könne Gewissheit darüber hergestellt werden, dass keine Preisabsprachen erfolgen. «Wir haben von der SSO Unterlagen über die in den Kantonen minimal und maximal angewandten Taxpunktwerte bekommen», sagt Marti. «Diese Angaben lassen Preisabsprachen zumindest nicht ausschliessen.» Mit ersten Resultaten rechnet Marti bis im Herbst.
Bis dahin müssen die Patienten noch auf die Zähne beissen und sich alleine durch den Tax-Dschungel der Arztpraxen schlagen. «Wir empfehlen den Patienten, sorgfältige Preisvergleiche zu machen, obwohl das sicher mühsam ist», so Marti, «denn wenn der Zahnarzt den Bohrer bereits eingeschaltet hat, ist es zu spät für Preisverhandlungen.»
Monika Balmer
Zahnarzttarife - So vermeiden Sie Überraschungen
Jede Zahnarztpraxis kann ihr Preisniveau bei der Behandlung von Privatpatienten selbst festlegen. Die Preise werden anhand des Taxpunktwertes und der Anzahl Taxpunkte pro Leistung festgelegt. Der Taxpunktwert hat eine vom Zahnärzteverband empfohlene Höchstgrenze von Fr. 4.95.
Wie viele Taxpunkte der Arzt für eine einzelne Leistung verrechnen kann, ist im Zahnarzttarif festgelegt. Dort ist für jede Leistung die mögliche Spannweite der Taxpunkte angegeben. Für die Kostenberechnung wird der Taxpunktwert mit der Gesamtzahl der Taxpunkte multipliziert.
Bei Sozialversicherungsfällen (etwa bei Unfall) oder bei Sozialhilfeempfängern ist die Rechnung einfacher. Dort gilt der Taxpunktwert von Fr. 3.10 und eine fixe Taxpunktzahl.
Wer nach einer Zahnbehandlung bei der Rechnung keine bösen Überraschungen erleben will, sollte folgende Punkte beachten:
- Bevor Sie mit einem Zahnarzt einen Termin verabreden, fragen Sie nach dem Taxpunktwert für Privatpatienten. Gibt eine Praxis keine Auskunft über ihren Taxpunktwert, dann suchen Sie sich eine andere Praxis. Günstige Praxen rechnen mit Fr. 3.10, teure mit 4 Franken oder mehr.
- Lassen Sie für grössere Behandlungen einen Kostenvoranschlag machen.
- Falls Sie mit der Behandlung oder der Rechnung nicht einverstanden sind, können Sie sich an die Schweizerische Zahnärztegesellschaft SSO wenden. Dort können Sie auch gratis den Kurztarif beziehen, der über die mögliche Anzahl Taxpunkte pro Leistung Auskunft gibt: SSO, Münzgraben 2, 3011 Bern, Telefon 031 311 76 28, www.sso.ch.
Die Stiftung für Konsumentenschutz hat zum Thema einen Ratgeber herausgegeben: «Zähne - und was sie kosten». Zu beziehen bei SKS, Tel. 031 307 40 40, www.konsu mentenschutz.ch.
bam
23. Mai 2001
