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Artikel | K-Geld 5/2001

Magische Zeichen gegen den «bösen Blick»

Mit einem Feuerwerk von warmen Farbtönen von Violett über Rot, von Orange bis zu Gelb in vielen Abstufungen begeistern Berberteppiche Liebhaber und Sammler. Die ursprünglichen Teppiche und Gewebe, die Nomaden aus dem Gebiet des nordafrikanischen Atlasgebirges hergestellt und benutzt haben, werden immer rarer und wertvoller.

Wenn die Berbernomaden sich in ihren Zelten auf den Sommerweiden des Atlasgebirges schlafen legen, wickeln sie sich in Teppiche ein. «Fast alle Bedürfnisse - von der Bekleidung bis zur Behausung - decken die Berberfrauen mit dem Weben und Knüpfen der Wolle ihrer Tiere ab.

«Die Berber sind in jeder Hinsicht Selbstversorger», stellt Richard Hersberger voller Bewunderung für die Nomaden fest. Der Baselbieter Innenarchitekt, der Marokko seit über dreissig Jahren regelmässig bereist, besitzt eine der schönsten Sammlungen von ursprünglichen Berberteppichen.

Noch heute stellen die Berber ihre Textilien auf ihren Wanderungen für den Eigenbedarf her. Sie schützen sich damit in ihren Zelten vor den Einflüssen der Witterung. Auch ihre Einrichtungsgegenstände müssen leicht transportierbar und vielfältig verwendbar sein. So dienen die Teppiche als Bodenbelag, als Trennwand oder als Türvorhang. Um ihre Habseligkeiten mit Eseln, Pferden und Kamelen zu transportieren, brauchen sie Decken und Taschen.

Weil sie auf ihre Herden angewiesen sind, verwenden die Berber statt deren Felle ursprünglich mit Naturfarben gefärbte Wolle ihrer Schafe, Ziegen und in gewissen Gegenden Kamele.

Faszinierend an den Teppichen und Geweben der Berber sind ihre geometrischen Ornamente. Typisch ist die Raute, die in verschiedenen Varianten vorkommt. Dieselben Motive, die die Berberfrauen sich und ihren Kindern als Schutz gegen den «bösen Blick» auf die Haut tätowieren, knüpfen sie auch in ihre Teppiche ein. Damit beschwören sie «Baraka», die schützende Kraft. Die verschiedenen Variationen von Rauten heissen zum Beispiel «Löwentatze» oder «Auge». Daneben gibt es Sterne, stilisierte Hände, Tiersymbole und bunte Schachbrettmuster.

«Berberteppiche, wie sie von Sammlern oder Museen gesucht werden, sind authentische Stammesteppiche, die 50 Jahre und älter sind», hält der Zürcher Sammler Marcel Korolnik fest. «Es sind Teppiche, mit denen eine Nomadenfamilie gelebt hat und die sie aus irgendeinem Grund - oft aus einer Notlage heraus - verkaufen musste.» Teile aus seiner Sammlung wurden 1996 im Museum Bellerive in Zürich gezeigt.

Tony Waehry importiert seit den 70er-Jahren Berberteppiche aus Marokko. «Wenn westliche Händler direkt in die Dörfer und Zeltlager auf den Hochweiden kommen, verwirrt dies die Berber», hat Waehry beobachtet. Der Weg der Teppiche führt deshalb über lokale Händler, die in den Teppichgegenden wohnen und die besten Stücke bei den Berberfamilien zusammensuchen.

Die Kenner machen einen grossen Unterschied zwischen den Teppichen, die bei den Berbern im Atlasgebirge nach wie vor in Gebrauch stehen, und jenen, die in Dörfern und Städten in Werkstätten - zwar ebenfalls von Berberfrauen - oft nach alten Mustern für den Tourismus hergestellt werden.

Und hier liege genau die Krux für den Sammler: «Originale, also alte, gebrauchte Berberteppiche, werden immer seltener, und auf den lokalen Märkten findet man oft nur bunten Ramsch», sagt Richard Hersberger. Beinahe bereut er sogar die Herausgabe des «Ber-Ber»-Buches über seine Sammlung. Findige Händler aus Europa gingen jetzt nämlich hin und liessen nach den Abbildungen in den Werkstätten Duplikate herstellen - sogar bis zu künstlich angebrachten Flickstellen. «Die in Manufakturen hergestellten Teppiche jüngeren Datums sind kulturhistorisch wertlos», hält Marcel Korolnik fest.

Die echten Nomadenteppiche dagegen sind einzigartig. Richard Hersberger: «Jedes Stück ist ein Unikat und erzählt wie ein Tagebuch vom harten Leben der Nomaden. Neben traditionellen Mustern, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, entstehen auch immer wieder freie Darstellungen von urtümlicher gestalterischer Kraft. Der Einfluss der "Tapis fous" oder "Tapis sauvages" auf die europäische Malerei ist unverkennbar.»

Peter O. Rentsch



Tony Waehry

Der Zürcher Händler, der sich seit einem halben Jahrhundert mit Orientteppichen befasst, zeigt den K-Geld-Lesern einen Zeltbehang vom Stamm der Beni Quarain aus dem Mittleren Atlas. Dabei handelt es sich um ein Flachgewebe mit geknüpften Teilen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts im Format 150 mal 280 cm, das bei ihm zum Preis von 2600 Franken zu haben ist.

Für Tony Waehry öffnen Teppiche den Blick in eine andere kulturelle Welt. Waehry verweist auf die Begeisterung des Meisterarchitekten Le Courbusier für die Berberteppiche, die sich so harmonisch in die Farben und Formen der klassischen Moderne einfügen.

Seit den 70er-Jahren reist Waehry auf der Suche nach authentischen Nomadenteppichen regelmässig nach Marokko. Waehry ist fasziniert davon, wie das Medium Teppich auf dem Weg von der Berberfamilie in ihrer kargen Umgebung bis zum endgültigen Bestimmungsort in einem Wohnhaus Menschen verbindet: «Bei der Beschäftigung mit Teppichen war für mich der Austausch mit Menschen immer wieder ein spannendes Erlebnis.»


Peter Föhn

leitet das Teppichhaus Vidal AG an der Zürcher Bahnhofstrasse, wo er eine spezielle Abteilung mit Berberteppichen und -geweben eingerichtet hat. Hier trägt er eine Dschellaba, einen Kapuzenumhang, wie er für die Hirten der Ait Warhada und der Ait Semgan typisch ist. Augenmotive (hier nicht sichtbar) verzieren als Abwehrsymbole Rücken und Kapuze. Das Stück ist 60 bis 70 Jahre alt. Der Preis: 4900 Franken.

Peter Föhn sucht die klassischen Berber-Stammesteppiche bei Händlern seines Vertrauens vor Ort. Er bereist heute zwei- bis dreimal im Jahr das Ursprungsland der Berberteppiche. «Wir haben sogar schon Kundenreisen dorthin durchgeführt, um Interessenten die Teppichkultur Marokkos zu zeigen.»

Die Auswahl - für rund dreissig in Frage kommende Stücke müsse er jeweils in mehreren Durchgängen mühsam Hunderte beurteilen - treffe er nach persönlichem Gefühl bezüglich künstlerischen Ausdrucks, Farbgebung und Musterung und nach Kriterien von Zustand und Qualität des Materials. «Es müssen in jedem Fall authentische, zweifelsfrei alte Stücke sein.»


Richard Hersberger

hat in Muttenz BL ein Unternehmen für Innenarchitektur und Design aufgebaut. Dieser 30 bis 40 Jahre alte Teppich «Boujad» ist nach einer heiligen Stadt am nördlichen Rand des Hohen Atlas benannt. Auffallend an diesem Sammlerstück ist Unbekümmertheit, Buntheit sowie die auffallende Freiheit von traditionellen Mustern. Er wird deshalb als «Tapis fou» bezeichnet. Er ist 240 mal 115 cm gross. Der Preis: 8000 Franken.

Typisch für die Berberteppiche ist, dass sie zum Teil gewoben und zum Teil geknüpft sind, und dies oft in ein und demselben Stück. Das hänge davon ab, welches Material bei der Herstellung gerade zur Verfügung stand, erklärt Richard Hersberger. Oft zeige eine Verjüngung des Teppichs, dass mehrere Personen daran gearbeitet hätten. Oder der Wechsel in Farbe und Struktur lässt ein einschneidendes Erlebnis vermuten.

Hersberger sucht nicht das Perfekte, sondern das Originale, Schöne. Der ehemalige Lehrer an der Kunstgewerbeschule Basel überlegt sich, eine Stiftung zu gründen, um die besten Stücke seiner Sammlung ins Ursprungsland zurückzuführen.



Die Berber

Auf der Suche nach Weidegebieten für ihre Viehherden kamen nomadisierende Berberstämme bereits um 2000 vor Christus in das Gebiet der heutigen Maghreb-Staaten Marokko, Algerien, Tunesien und in den Westen Libyens. Der Name Berber leitet sich von «Barbari» (Barbaren) ab, womit die Griechen und Römer alle Urzivilisationen bezeichneten.

Gemeinsam sind den Berbern ihre kulturellen Wurzeln, das Nomadentum, und ihre Knüpf- und Webtradition, mit der sie fast ihren gesamten Hausrat - Behausung, Mobiliar, Behälter usw. - herstellen. Bei vielen Nomaden und Halbnomaden in den Berg- und Wüstenregionen des Maghreb ist diese Tradition bis heute lebendig.

Von ihren Schaf- und Ziegenherden, mit denen sie zu den Weidengründen ziehen, erhalten die Berber Wolle, Milch und Fleisch. Allerdings ist der Lebensraum der Berber durch zunehmende Einschränkungen, wie etwa Umzäunungen fruchtbarer Ebenen, bedroht. Auch ist der Einfluss moderner Zivilisation bei ihrem Kunsthandwerk unverkennbar: Neuerdings verwenden die Frauen für die Herstellung ihrer Textilien farbige Stoffreste und Garne aus Industrieabfällen.

01. Oktober 2001


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