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Im Kampf um Wintersportgäste schummeln die Kurorte bei den Schneehöhen. saldo hat die offiziellen Zahlen nachgeprüft.
Ein sonniger Januartag im Oberengadin. Das Eis auf den Seen glänzt, die Matten sind gelb, die Gipfel überzuckert. Weit und breit kein Schnee. Ausser im Wintersportbericht der Oberengadiner Bergbahnen. Dort steht «Pulver/hart, gut», und die Schneehöhe soll bei 10 cm im Tal und 40 bis 60 cm im Skigebiet liegen. Um überhaupt Schnee zu messen, müsste man ein Loch in die Kunstschneepisten graben, die auf einer Länge von 70 Kilometern das Oberengadin mit weissen Bändern durchziehen.
Messungen sollten an ungestörter Stelle stattfinden
Doch eigentlich wärs anders gemeint: Die Instruktionen für den alpinen Pistenbericht verlangen klar, dass an einem ungestörten Punkt gemessen wird. Also da, wo weder Pistenfahrzeuge noch Schneekanonen wirken. Ein Meter natürlicher Schnee schwindet nämlich unter den Walzen der Pistenfahrzeuge zu etwa 20 cm Piste. «Es bleibt uns ja nichts anderes übrig, als da zu messen, wo wir Schnee haben», rechtfertigt Nicolo Holinger, Betriebsleiter der St. Moritzer Bergbahnen, das Vorgehen.
Etwas mehr Schnee liegt in der Weissen Arena von Flims-Laax. Bei der Fahrt auf den Crap Sogn Gion bemerkt der Seilbahnangestellte: «Oben liegen 20 Zentimeter Naturschnee, mehr nicht.» Doch im offiziellen Schneebericht gibt der Kurort für dieses Gebiet eine Höhe von 50 bis 60 cm an. Als ein saldo-Reporter auf dem Crap die Schaufel in den Schnee steckte, stiess er schon nach 20 cm auf Gras.
Im Berner Oberland leidet der Schnee bisweilen an Schwindsucht. Als ein Reporter am 27. Dezember seine Messlatte beim Berghaus Bärtschi im Adelbodner Skigebiet Engstligenalp ansetzte, mass er 15 cm weniger, als der offizielle Messwert angab. Der Hintergrund: In der Nacht hatte es geschneit. Um 7.45 Uhr mass Hansueli Bärtschi 85 cm Schnee. Die saldo-Kontrolle am Mittag ergab 70 cm. Der Neuschnee sei halt inzwischen zusammengefallen, erklärte Bärtschi den Unterschied.
Wundersame Zunahme der Schneehöhe
Eine Schneevermehrung ganz ohne Zutun von Frau Holle liess sich in Leukerbad beobachten. Am 7. Januar gab der Walliser Kurort 10 cm Schneehöhe im Dorf an. Am 8. Januar warens plötzlich 20 cm. Nur: Geschneit hatte es inzwischen nicht. Die Erklärung des Tourismusbüros: Da habe halt eine andere Mitarbeiterin - mit grosszügigerem Augenmass - aus dem Fenster geschaut.
Auf der anderen Talseite in Saas Fee gibt man sich selbstsicher: «Wir bescheissen uns doch nicht selber», sagt Rettungschef Sepp Herger. Hier zeigte sich beim Augenschein, wie wenig die Schneehöhen über die Pistenverhältnisse aussagen: Wenige Meter neben der Messstelle hatte der Wind Steine auf der Piste freigelegt.
Mike Weibel
Schnee-Infos - Bergbahnen geben die Schneehöhen an
Die in Zeitungen auf der Wetterseite im redaktionellen Teil veröffentlichten Schneehöhen stammen nicht aus unabhängiger Quelle. Grösstenteils handelt es sich um Werbung, herausgegeben von Schweiz Tourismus. Die Fremdenverkehrsorganisation hat die Aufgabe, die Schweiz möglichst gut zu verkaufen. Sie bezieht ihre Angaben von den Bergbahnen. «Für uns sind Schneehöhen nicht so wichtig», sagt Heinz Keller, der die Schneeberichte betreut. Viel wichtiger sei, wie viele Anlagen in Betrieb und ob die Talabfahrten geöffnet seien. «Der Gast geht heute davon aus, dass die Schneehöhen die präparierte Piste betreffen», glaubt Keller. Davon wissen allerdings die von saldo kontaktierten Pistenchefs nichts.
Abseits der Pisten misst das eidg. Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos. Die Messstelle muss windgeschützt und eben sein. Das SLF gibt so präzise an, wie viel Schnee liegt - da, wo die Schneekanonen nicht hinschiessen.
16. Januar 2002
