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Spitäler rechnen falsch ab - zu Lasten der Prämienzahler
Manche Spitäler kassieren zu viel Geld für Blutanalysen. Das zeigen Rechnungen, die dem Puls-Tipp vorliegen. Krankenkassen zahlen wahrscheinlich jedes Jahr etwa 10 Millionen Franken zu viel. «Ein Skandal», sagt dazu BSV-Chef Otto Piller.
Thomas Grether thgrether@pulstipp.ch
Wer kennt die Szene nicht: Der Arzt im Spital legt das Stethoskop zur Seite und sagt: «Wir machen zur Sicherheit noch schnell einen Bluttest.» Daraufhin zapft die Krankenschwester Blut ab und lässt es meist gleich im eigenen Labor untersuchen.
Hunderttausende dieser Hämatogramme lassen Spitäler jährlich durch ihre Maschinen laufen. Die Rechnungen dafür bezahlen die Krankenkassen. Kaum je beanstandet eine Kasse eine der Laboranalysen - im Wust der Rechnungen gehen sie regelrecht unter.
Jetzt zeigt sich: Einige Spitäler verlangen für Blutanalysen zu viel. Dem Puls-Tipp liegen gleich mehrere überrissene Rechnungen von Spitälern vor. Darunter sind das kantonale Spital in Wolhusen LU, die Privatkliniken Lindberg in Winterthur sowie Schloss Mammern in Mammern TG. Doch dies ist wohl nur die Spitze des Eisbergs. Durchschnittlich haben die drei Spitäler pro Untersuch 20 Franken zu viel kassiert, in einzelnen Fällen umgerechnet sogar bis zu 120 Prozent. Und das geht so:
- Die Spitäler untersuchen verschiedene Blutwerte in einem einzigen Durchlauf, wie das mit modernen Geräten heute üblich ist - automatisch und günstig.
- Den Kassen verrechnen die Spitäler dann aber aufwändige und teure Einzelanalysen, wie wenn Laboranten einzelne Blutwerte von Hand auszählen würden.
Das heisst: Die Spitäler kassieren Geld für Analysen, die sie so gar nicht gemacht haben - und verstossen damit gegen das Krankenversicherungs-Gesetz (KVG). Die Rechnungen sind nicht nur illegal, sie verursachen vor allem enorme Kosten. In der Schweiz gibt es gemäss Spitalverband H+ rund 200 Kliniken und Spitäler. Ein Spital von der Grösse des Kantonsspitals Winterthur macht jährlich rund 40 000 Hämatogramme. Verlangen 10 Prozent dieser Spitäler jährlich für rund 25 000 Blutuntersuche durchschnittlich 20 Franken zu viel, ergibt dies eine Deliktsumme von hochgerechnet jährlich etwa 10 Millionen Franken.
Die Geprellten sind die Krankenkassen und letztlich die Prämienzahler. Ungehalten reagiert Peter Marbet vom Dachverband Schweizer Krankenversicherer Santésuisse: Es zeige sich einmal mehr, dass «auch Spitäler das Gesundheitswesen als Selbstbedienungs-Laden schamlos missbrauchen». Laut Marbet will Santésuisse die Krankenkassen auffordern, Rechnungen für Hämatogramme rückwirkend zu kontrollieren.
Spitäler sollen den Kassen Geld zurückzahlen
Die Enthüllung des Puls-Tipp hat auch Otto Piller, Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV) auf den Plan gerufen. Piller sagt, falls sich das Vorgehen der Spitäler bestätige, sei dies «skandalös» und ein «klarer Rechtsbruch». Das BSV werde den Dachverband der Krankenversicherer schriftlich auffordern, gegebenenfalls «zu Unrecht abgerechnete Gelder» zurückzuverlangen.
Roger Gutersohn, Direktor der Klinik Schloss Mammern, räumt gegenüber dem Puls-Tipp ein, dass «effektiv ein Fehler unterlaufen ist». Gutersohn: «Wir werden selbstverständlich eine Korrektur vornehmen.» Nicht Stellung genommen hat das Kantonale Spital Wolhusen.
Unbeeindruckt gibt sich auch die Klinik Lindberg, obwohl ein Zürcher Arzt sie mehrmals aufforderte, korrekt Rechnung zu stellen. «Wir geben jeweils nur die vom Arzt gewünschten Werte ab. An unserer Abrechnung werden wir festhalten», schrieb die Lindberg-Klinik dem Arzt. Andere Spitäler der gleichen Region wie das Kantonsspital Winterthur rechnen korrekt ab.
Dazu Peter Marbet von Santésuisse: «Rechnet ein Spital trotz Reklamation weiter systematisch falsch ab, so ist das möglicherweise sogar Betrug.»
01. Januar 2002
