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Die Wüstenpflanze soll Tumoren abbauen, Blutzellen bilden und Radioaktivität neutralisieren: Bewiesen ist dies nicht
Aloe-Vera-Säfte finden reissenden Absatz. Vor allem Krebspatienten setzen Hoffnungen in den Saft. Doch jetzt warnen Experten: Aloe Vera ist kein Wundermittel, das Krebs heilt.
Regula Schneider rschneider@pulstipp.ch
Mittwoch, 27. Februar, ARD, «Talkshow Kai Fliege»: Krebspatientin Petra H. erzählt, wie ihr der Saft der Aloe Vera dabei geholfen habe, ihre Krankheit zu besiegen. Das Publikum staunt. Dann strahlt Moderator Fliege in die Kamera und führt ein Glas mit dem Saft der Aloe Vera an die Lippen. Er trinkt genüsslich. Euphorischer Applaus brandet auf. Das Publikum feiert die «Wunderpflanze» Aloe Vera.
Die Sendung löst einen Boom aus. Im Internet preisen diverse Anbieter die Wüstenpflanze als «Wunder der Natur», «Wunder aus der Wüste» und «Wunder für den menschlichen Körper» an. In Reformhäusern und Apotheken findet der Aloe-Vera-Saft reissenden Absatz. In Deutschland - und auch in der Schweiz.
Viele Leute wollen sich über die Pflanze informieren
Der Saft war wegen der riesigen Nachfrage in den Reformhäusern zeitweise gar nicht mehr erhältlich. Und die Abteilung für Naturheilkunde des Universitätsspitals Zürich verzeichnet zahlreiche Anfragen im Zusammenhang mit der Heilkraft der Pflanze. Viele davon von Menschen, die an Krebs leiden. Der Grund: Verschiedene Anbieter betonen, dass der Saft für Krebspatienten besonders hilfreich sei.
Marco Rudin aus Zürich beliefert Reformhäuser in der ganzen Schweiz mit Aloe-Säften. Er gibt dem Puls-Tipp eine Broschüre, die nicht mit Heilungsversprechen geizt: So soll der Saft «die Anzahl der T-Killerzellen vermehren und aktivieren», er könne helfen, «Tumoren, Geschwulste und tote Zellen abzubauen», «die Knochenmarksaktivität stimulieren und die Bildung neuer Blutzellen fördern, was für die Behandlung von Blutkrebs wichtig ist». Und er neutralisiere die zellschädigende Wirkung radioaktiver Strahlung.
Doch Gesundheitsexperten warnen vor solchen Aussagen. Andreas Lenherr, Apotheker und Spezialist für Naturheilmittel aus Zürich, ist entrüstet: «Hier werden krebskranken Menschen gezielt falsche Hoffnungen gemacht.»
Auch Professor Reinhard Saller von der Abteilung Naturheilkunde am Universitätsspital Zürich hält solche Aussagen für irreführend: «Sie vermischen wissenschaftliche Resultate mit Spekulationen.» Die Aussagen würden vortäuschen, dass der Saft ein grosses Heilungspotenzial bei Krebs habe. «Dies ist zurzeit jedoch Wunderglaube.»
Zudem machen die Hersteller Heilungsversprechen. Aloe-Vera-Säfte gelten in der Schweiz jedoch nicht als Heilmittel, sondern als Nahrungsergänzungen - und fallen damit unter das Lebensmittelgesetz. Die Hersteller dürfen nicht mit Heilungsanpreisungen werben.
Erst Untersuchungen an Tieren hätten gezeigt, dass Aloe die Anzahl krebsvernichtender Zellen, so genannte T-Killerzellen, vermehre. «Man weiss aber nicht, wie sich das beim Menschen verhält», sagt Saller.
Auch sei nur bei Zellkulturen erwiesen, dass die Pflanze helfe, Tumoren und tote Zellen abzubauen. Richtig sei hingegen, dass die Aloe auf Zellen im Knochenmark stimulierend wirke. Trotzdem warnt der Spezialist für Naturheilkunde vor voreiligen Schlüssen: «Es gibt keine Beweise dafür, dass dies bei der Behandlung von Leukämie eine Rolle spielt.»
Ähnlich wie Grüntee oder Ginseng wirkt die Aloe leicht stärkend auf das Immunsystem. Sie wirkt aber höchstens unterstützend. Laut Andreas Lenherr sei auch die Aussage stark übertrieben, dass die Aloe radioaktive Bestrahlungen neutralisieren könne. «Davon darf sicher nicht gesprochen werden.»
Eine gewisse Heilkraft der Aloe Vera ist unbestritten
Auf die Kritik angesprochen, distanziert sich Marco Rudin von der Informationsbroschüre. Er schreibt dem Puls-Tipp: «Es ist falsch, meine Berater- und Vertriebstätigkeit damit in Zusammenhang zu bringen.» Es handle sich dabei lediglich um einen Auszug verschiedener Aloe-Bücher. «Die Broschüre wird von mir und meinem Team nicht verwendet.» Die Aloe Vera gehöre zur Erfahrungsmedizin. «Es gibt sehr viele und klare Erfolgsbeweise, die sich nicht leugnen lassen.»
Dies bestätigt auch Reinhard Saller: «Es gibt Hinweise darauf, dass die Pflanze über ein gewisses Potenzial an Heilkraft verfügt.» Die Aloe Vera enthält zahlreiche Wirkstoffe. Studien zeigen, dass der Saft die Verdauung fördert und mithilft, Magen- und Darmgeschwüre zu heilen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Aloe die Durchblutung kleiner Blutgefässe fördert. «Dies könnte für Diabeteskranke hilfreich sein», sagt Saller. Trotzdem sei es falsch, von einer Wunderpflanze zu sprechen. «Einige Menschen sprechen sehr gut darauf an, andere weniger.»
Maria Rühl aus Schaffhausen hat Anfang Jahr begonnen, den Saft zu trinken. Die 57-Jährige hat Brustkrebs. Die Ärzte amputierten ihr die linke Brust, anschliessend musste sie in eine Chemotherapie. Danach hatte sie Mühe, wieder zu Kräften zu kommen. Und diverse Medikamente führten oft zu Magenschmerzen. «Seit ich den Saft trinke, habe ich deutlich weniger Magen- und Darmprobleme», erzählt sie.
Der Onkologe Albert Scheller aus Bad Heilbronn in Deutschland setzt die Aloe als unterstützende Therapieform ein. Wer sich einer Chemotherapie unterziehen muss, leidet oft unter ausgetrockneten oder entzündeten Schleimhäuten. «Der gelartige Saft wirkt wie ein Schleimhaut-Ersatz. Er spendet Feuchtigkeit und wirkt heilend.»
Diverse Studien belegen zudem, dass sich Aloe Vera bei Wundheilungen bewährt. Naturärzte setzen das Gel erfolgreich bei Verbrennungen, Verletzungen, Stichen, Sonnenbränden und Neurodermitis ein.
Worauf Sie beim Kauf eines Aloe-Vera-Saftes achten sollten
Verschiedene Hersteller bieten Aloe-Säfte an. Das Angebot ist riesig. Die Preise liegen zwischen 37 und 80 Franken pro Liter.
Kaufen Sie nur Säfte,
- auf deren Etikette sämtliche Inhaltsstoffe angegeben sind.
- bei denen die Angabe «mit 100 Prozent Aloe Vera» an oberster Stelle der aufgeführten Inhaltsstoffe steht.
- in denen das ganze Aloe-Blatt sorgfältig geschält und kalt weiterverarbeitet wurde.
Kaufen Sie keine Säfte,
- bei denen «Aqua» oder «Wasser» zuoberst auf der Etikette steht. Diese Produkte enthalten bis zu 80 Prozent Wasser.
- mit den Bezeichnungen «gefriergetrocknet» und «sprühgetrocknet». Diese Produkte enthalten 50 bis 99 Prozent Leitungswasser.
- mit der Bezeichnung «Konzentrat». Diese Produkte enthalten Frischpflanzensaft.
- die mit Fruchtsäften gemixt sind. Der Anteil Aloe Vera im Produkt kann minim sein.
- wenn Sie schwanger sind. Aloin wirkt stark abführend. Der Grenzwert beträgt 0,1 Prozent. Trotzdem sind Säfte mit mehr Aloin auf dem Markt. Ist der Saft sehr dunkel und bitter, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er viel Aloin enthält.
01. Juni 2002
