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Artikel | saldo 4/2003

An Migros und Coop kommt keiner vorrei

Die Marktmacht von Coop und Migros in der Schweiz ist erdrückend. Die Folge:
Weniger Wettbewerb, höhere Preise, kleinere Auswahl an Produkten.

Eine solche Konzentration im Detailhandel wie in der Schweiz gibt es nirgendwo auf der Welt.» Das meint zumindest Carrefour-Chef Jean-Claude Burtin. Er spricht von seinen übermächtigen Konkurrenten Migros und Coop. Für die europäische Nummer eins im Detailhandel ist es schwierig, neben den beiden Grossen in der Schweiz Fuss zu fassen.

Tatsächlich sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Zusammen setzten Coop und Migros im letzten Jahr 30,4 Milliarden Franken um. Das heisst: Jeder Haushalt liess über 10 000 Franken bei einem der beiden Konzerne liegen - für Brot und Käse, für Kleider und Möbel. Vor allem bei Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs wie Pflege- oder Reinigungsprodukten ist die Vormachtstellung von Migros und Coop erdrückend.

Migros-Sprecherin Monika Weibel beziffert den Marktanteil ihres Unternehmens im Lebensmittelbereich und lebensmittelnahen Sektor für 2001 zwar nur auf 23,6 Prozent. Und Coop spricht von 21 Prozent. Doch die Daten des Marktforschungsinstituts AC Nielsen in Buchrain LU lassen einen anderen Schluss zu. Das Institut hat 26 Produktekategorien zusammengestellt - von Tiefkühl- und Molkereiprodukten über Schokolade bis hin zu Tierfutter und Waschmitteln. Ergebnis: Migros kommt im vergangenen Jahr auf einen Marktanteil von 33,9 Prozent und Coop inklusive Waro sogar auf 34,3 Prozent.


«Marktmacht wirkt sich auch auf die Preise aus»

Die Schweiz ist das teuerste Land Europas. Nicht zuletzt wegen der hohen Nahrungsmittelpreise, wie das Bundesamt für Statistik, gestützt auf eine Studie des Europäischen Amtes für Statistik, feststellte. «Mit dafür verantwortlich ist auch der mangelnde Wettbewerb», sagt Jacqueline Bachmann von der Stiftung für Konsumentenschutz. Die Konsumentenschützerin ist überzeugt, dass sich die Marktmacht der beiden Konzerne auch auf die Preise auswirkt. «Migros und Coop schauen, dass sie gut aneinander vorbeikommen.»

Auch Jean-Bernard Bosset vom Verband der Marken-artikelhersteller bezeichnet den Wettbewerb über den Preis als «eher schwach». Jacqueline Bachmann erwartet von der Wettbewerbskommission, welche die Waro-Übernahme durch Coop noch genehmigen muss, ein klares Zeichen. «Das Mass ist voll. Eine weitere Übernahme bedeutet noch weniger Wettbewerb.»

Die mangelnde Konkurrenz im Schweizer Detailhandel führt nicht nur zu höheren Preisen, sondern auch auch zu einer kleineren Auswahl an Produkten. «Gut die Hälfte aller Markenartikel im Lebensmittelbereich wird künftig über die Coop-Schiene abgesetzt», schätzt der Promarca-Direktor. Bosset fürchtet, dass Coop bei Waro und Epa bestimmte Artikel aus den Regalen kippt. «Coop wird das Sortiment vereinheitlichen und nur noch auf die Topseller setzen.» Für Kosmetika könnte das heissen: L'Oréal und Nivea bleiben drin, die Nummer drei wirds schwer haben, die vier fällt raus. Kein unwahrscheinliches Szenario, zumal Coop neu seine Eigenmarken forciert.


Verdacht auf Preisabsprachen wird laut

Ungemütlich wird die Lage auch für Produzenten aus der Landwirtschaft. «Die Marktmacht von Migros und Coop wird jedes Jahr grösser», sagt Felix Grob, Geschäftsführer von Suisseporcs, dem Verband der Schweinefleischproduzenten. Vor zwei Jahren wurde Suisseporcs bei der Wettbewerbskommission (Weko) vorstellig: Die Produzenten hegen den Verdacht auf Preisabsprachen zwischen Händlern und den Fleischverarbeitern Micarna (Migros) und Bell (Coop). Die abschliessende Beurteilung der Weko wird für dieses Frühjahr erwartet.


Gemüsebauern fühlen sich ausgeliefert

Auch die Gemüsebauern wandten sich an die Behörde: Sie klagen, Coop nütze seine Marktmacht aus. Tatsächlich forderte der Grossverteiler einen Beitrag von 0,5 Prozent an sein Restrukturierungsprogramm Coop Forte. Die Gemüsebauern sind den beiden Handelsriesen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Thomas Wieland vom Verband der Gemüseproduzenten schätzt, dass 70 Prozent des Schweizer Gemüses über Coop und Migros an die Konsumenten gelangt. «Wer Zugang zum Markt behalten will, muss auch dann liefern, wenn die Preise nicht seinen Vorstellungen entsprechen.» Weil ihre Ware leicht verdirbt, können die Gemüsebauern nicht zuwarten und andere Kanäle suchen.

«Coop und Migros können durch ihre starke Stellung beeinflussen, was produziert und was konsumiert wird», sagt Jacqueline Bachmann. «Produzenten und Konsumenten sitzen für einmal im gleichen Boot.»



Mütter und Töchter: Wem was gehört

Zum Migros-Konzern gehört seit 1997 die Globus- Gruppe mit Interio, Office World und den Globus-Kaufhäusern. ABM wurde aufgelöst. Daneben zählen die Migros-Bank, Ex Libris, die Klubschulen und Migros-Öl (Migrol) zum Konzern, ebenso die Hotelplan-Gruppe mit M-Travel, Dornbierer und Esco-Reisen.

Der Coop-Konzern vereinigt Toptip, Import-Parfümerie, Interdiscount und Lumimart unter einem Dach. Ebenso gehören der Fleischverarbeiter Bell, die Pronto- und Vitality-Shops dazu sowie die Coop Mineralöl AG. 2002 kaufte Coop die Epa-Warenhäuser, die in Coop Cities umgewandelt werden. Bei einer Genehmigung durch die Wettbewerbskommission gehört neu auch Waro zum Konzern.

05. März 2003 | Sigrid Cariola


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