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Legehennen landen nach ihrem kurzen Dasein nicht mehr im Suppentopf, sondern grösstenteils im Abfall. Der Schlachtbetrieb SEG erhebt nun eine vorgezogene Entsorgungsgebühr.
Ob Bio-, Freiland- oder Bodenhaltung: Legehennen sind allesamt hochgez?chtete Eierlegemaschinen. Ihr Produkt ist an Ostern besonders gefragt. Die Zeiten, als weibliche Tiere zum Eierlegen aufgezogen und die G?ggeli zum Braten gem?stet wurden, sind l?ngst vorbei. Seit den 60er-Jahren hat sich die Gefl?gelbranche immer mehr spezialisiert und ist mittlerweile zweigeteilt: W?hrend ein Gefl?gelhalter fr?her dieselbe Rasse f?r die Eier- und die Fleischproduktion hielt, arbeiten Fleisch- und Eierproduzenten heute mit v?llig verschiedenen H?hnerrassen.
Nach zirka einem Jahr nimmt die Legeleistung ab
Die Masttiere - weibliche wie m?nnliche - sind darauf getrimmt, in k?rzester Zeit m?glichst viel Fleisch anzusetzen, bei den Legerassen z?hlt hingegen nur die Eierproduktion. Die m?nnlichen K?ken, rund zwei Millionen pro Jahr, werden sofort get?tet, weil ihre Mast unrentabel ist; und die Daseinsberechtigung der Hennen liegt einzig darin, ab der 18. Woche praktisch jeden Tag ein Ei zu legen.
Nach zw?lf Monaten - oder rund 300 Eiern - nimmt die Legeleistung ab. «Weil sich die Hennen dann die nat?rliche und verdiente Legepause g?nnen m?chten, werden sie ausgemustert und geschlachtet», so Hansuli Huber vom Schweizerischen Tierschutz. Nach der Ruhepause w?rde eine Henne zwar nochmals bis zu 500 Eier legen. «Unter den heutigen wirtschaftlichen Bedingungen ist es indessen f?r den Gefl?gelhalter wirtschaftlicher, neue Hennen einzustallen.»
Ausgediente Legehennen sind ausgemergelt
Tats?chlich sind die Verdienstm?glichkeiten in der Eierproduktion derart schmal, dass sich kaum ein Betrieb unproduktive Hennen leisten kann (siehe Kasten unten). Und mit dem Verkauf der ausgedienten Legehennen als Suppenh?hner l?sst sich kaum etwas dazuverdienen. «Legehennen bestehen heute praktisch nur noch aus Haut und Knochen und enthalten kaum mehr Fleisch», schreibt die SEG Poulet AG in der «Schweizerischen Gefl?gelzeitung». Nur 20 Prozent der Hennen haben heute noch genug Fleisch auf den Knochen und finden als Suppenh?hner einen K?ufer (siehe Kasten "Schweizer…). «Bei rund 40 Prozent k?nnen noch mit hohem Arbeitsaufwand die Brustfilets verwertet werden, die grosse Restmenge muss entsorgt werden», vermeldet die SEG.
Und das kostet. J?hrlich fallen in der Schweiz zwei Millionen ausrangierte Legehennen an. Davon ?bernimmt die SEG die H?lfte. Die Kosten f?r Verwertung und Entsorgung der Tiere beziffert der Schlachtbetrieb auf eine Million Franken pro Jahr. Die Konsequenz: Ab diesem Jahr verlangt die SEG von den Eierproduzenten eine vorgezogene Entsorgungsgeb?hr von durchschnittlich 45 Rappen pro Huhn.
Hansuli Huber kann sich einen Vergleich zur vorgezogenen Recycling-Geb?hr f?r Elektronikschrott nicht verkneifen: «Nun sind wir schon so weit gekommen, dass Legehennen nichts mehr wert sind und entsorgt werden m?ssen.» Und das nur, weil die H?hner einseitig auf H?chstleistungen gez?chtet sind, «damit sich unsere Gesellschaft m?glichst billig mit Eiern und Fleisch versorgen kann».
Forschung hat noch keine Kombi-Rasse gefunden
Die Nutztierschutz-Organisation Kagfreiland fordert nun, dass sich die Forschung f?r die Z?chtung eines Kombi-Huhns einsetzt. Also einer H?hnerrasse, deren M?nnchen wie anno dazumal f?r die Fleischproduktion und deren Weibchen f?r die Eierproduktion geeignet sind.
Nur: So einfach l?sst sich das Rad nicht zur?ckdrehen, das weiss Kagfreiland aus eigener Erfahrung. Die Organisation hat mehrere Jahre in die Forschung nach einem solchen Huhn investiert. «Doch wir haben bis heute kein wirtschaftliches Kombi-Huhn gefunden», so Gefl?gelexpertin Nadja Brodmann. Ein paar Kag-Betriebe setzen zwar seit rund zwei Jahren die Kombi-Rasse Silver ein. «Die H?hne setzen gut Fleisch an und die Hennen legen fleissig, aber der Bauer verdient einfach zu wenig», erkl?rt die Expertin der Nutztierschutz-Organisation.
Auch wenn der Minderertrag pro Tier nur wenige Franken ausmacht, wird sich das Kombi-Huhn Silver wohl nie durchsetzen. Denn in einer Branche, in der sich nur mit Masse Kasse machen l?sst, werden aus ein paar Franken weniger unter dem Strich schnell einige Tausender.
Doch Kagfreiland gibt die Hoffnung nicht auf. Nadja Brodmann: «Die ausl?ndischen Zuchtfirmen konnten ein Huhn z?chten, das 300 Eier pro Jahr legt. Sie konnten ein Mastpoulet z?chten, das nach 40 Tagen 2 Kilogramm auf die Waage bringt. Jetzt werden sie wohl in der Lage sein, ein wirtschaftliches Zwei-Nutzungs-Huhn zu z?chten.»
Rappen spalten ist Pflicht
Wer Eier produziert, muss gut rechnen k?nnen, denn die Margen sind sehr knapp. Der Betrieb von Dieter Weber und Kag-Gefl?gelexpertin Nadja Brodmann, zum Beispiel, kann seine Bio-Eier f?r 44 Rappen pro St?ck verkaufen. «Wenn alles optimal l?uft, kommen wir so auf einen Arbeitsverdienst von 25 Franken pro Stunde», erkl?rt Nadja Brodmann. Aber eben nur, wenn nichts passiert, wie etwa eine Erkrankung der Hennen.
Noch schmaler sind die Verdienstm?glichkeiten bei einem Bodenhaltungsbetrieb. Gem?ss Modellrechnung erzielt ein Betrieb mit reiner Bodenhaltung und einem Preis von ?blicherweise 22 bis 24 Rappen pro Ei einen Arbeitsverdienst von 5 bis 10 Franken. «Ein reiner Bodenhaltungsbetrieb m?sste mindestens 25 Rappen pro Ei erhalten, wenn er auf einen Stundenlohn von 25 Franken kommen wollte», erl?utert Agrar-Berater Alois Mettler. Die Realit?t k?nne allerdings vom Modell sowohl nach unten als auch nach oben abweichen - je nach Abnehmer, Gr?sse, Ausstattung und Amortisationskosten eines Betriebs.
Schweizer essen zu wenig Suppenh?hner
Die Nachfrage nach Suppenh?hnern ist in der Schweiz gering. Bei Coop machen die Hennen beispielsweise nur 3 bis 4 Prozent des ganzen Pouletverkaufs aus. Frisch geschlachtete Legehennen bietet der Grossverteiler in der deutschen Schweiz schon gar nicht an, und Tiefk?hlware ist nur in ausgew?hlten L?den erh?ltlich.
Auch Migros verkauft fast nur tiefgek?hlte Hennen und bezeichnet den Markt von rund 265 Tonnen pro Jahr als klein - zu klein, um nach Produktionsart zu differenzieren. Migros macht keinen Unterschied zwischen Bio-, Freiland- oder Bodenhaltung: Suppenhuhn ist Suppenhuhn.
Coop verkauft die Hennen laut Pressesprecher J?rg Birnstiel «meistens in Verkaufsstellen mit einem hohen Anteil an ausl?ndischen Kundinnen und Kunden».
Auch Monika Weibel vom Migros-Genossenschafts-Bund ortet den Grossteil der Kundschaft bei jenen, «die ein Flair f?r die mediterrane K?che haben».
Die Romands essen viel mehr Suppenh?hner als die Deutschschweizer: Coop setzt in der franz?sischen Schweiz neben Tiefk?hlhennen pro Jahr rund 25 Tonnen frische Suppenh?hner ab; das entspricht der H?lfte des gesamten Jahresabsatzes von Coop.
Dass Herr und Frau Deutschschweizer zu wenig Lust auf Suppenhuhn haben, beklagt auch Nadja Brodmann, Gefl?gelexpertin von Kagfreiland. Dabei sei das Fleisch heute besser als sein Ruf. W?hrend eine Legehenne heute meist nur noch gut ein Jahr alt wird, blieb sie fr?her vier Jahre am Leben, bis sie keine Eier mehr legte. Ihr Fleisch war entsprechend z?h, musste stundenlang im Topf k?cheln und ergab vorwiegend eine schmackhafte Suppe. «Das Fleisch der heutigen Suppenh?hner ist weniger z?h, aber fest, und eignet sich viel besser f?r Saucengerichte als ein normales Grillpoulet», weiss Nadja Brodmann.
Aber: Ein ganzes Huhn braucht noch immer mindestens eineinhalb Stunden, bis es gar ist. Und diese Zeit nehmen sich die wenigsten Leute. Auch der ?usserst g?nstige Preis von Fr. 5.80 bis Fr. 6.80 pro Kilogramm mag die Kundschaft der beiden Grossverteiler nicht dazu verlocken, ein Suppenhuhn zu kaufen.
16. April 2003 | Bennie Koprio, Dani Mennig, Ueli Schmezer
