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Artikel | saldo 8/2003

Profi-Gauner jagen Schweizer

Eine professionelle Gaunerbande lockt ahnungslose Schweizer in die Falle und knöpft ihnen Hunderttausende von Franken ab. Ihre bevorzugten Opfer sind Hausverkäufer.

Der Mann gegenüber - er nennt sich Goldmann - redet vom Geschäft, als ginge es um die Einkaufsliste vom Wochenende: «Alles in grossen Scheinen bitte. Ich will keine Tasche tragen. Alles in 1000er-Scheinen.» In einer Woche sollen wir nochmals hierhin in die Bar Linus an der Piazza Caneva in Mailand kommen, dann mit den 400 000 Franken, die wir über die Grenze schmuggeln müssen. Das sei kein Problem - der Mann nimmt es gelassen.


Einziges Ziel ist das Bestehlen der Kunden

Goldmann heisst in Wirklichkeit nicht Goldmann, das Devisengeschäft mit uns will er gar nicht abschliessen. Er gehört zu einer hoch professionell organisierten Verbrecherbande. Sein einziges Ziel ist es, uns zu bestehlen. Seine Handy-Nummern sind nicht identifizierbar, er wechselt sie dauernd, seine Adresse stimmt nicht.

Auch wir mimen Gelassenheit. Die Angaben auf unserer Visitenkarte sind ebenfalls frei erfunden und unsere Telefonnummern werden wir demnächst wechseln. Wir kommen nicht aus der Immobilienbranche, sondern filmen Bandenmitglied Goldmann während dem vermeintlichen Verkaufsgespräch mit versteckter Kamera.


Als Köder werden für 10 000 Franken 10 000 Euro geboten

Goldmanns Job ist es, ahnungslose Schweizer in eine Falle zu locken. Die Gauner melden sich auf Inserate, die in Schweizer Zeitungen oder auf dem Internet geschaltet wurden. Wer ein Haus, ein Schiff oder teuren Schmuck zum Verkauf anbietet, ist ein potenzielles Opfer.

Die angeblichen Käufer verhandeln jedoch kaum um den Kaufpreis, sondern lenken das Gespräch geschickt auf ein Gegengeschäft. Die Schweizer sollen mit den Verkaufsunterlagen nach Mailand oder Turin kommen und diese Gelegenheit gleich für ein erstes Probegeschäft nutzen: Für mitgebrachte 10 000 Franken erhalten sie 10 000 Euro.

Der Handel klappt tatsächlich. Die späteren Opfer reisen mit einem guten Kursgewinn nach Hause, lassen allfälliges Misstrauen in Norditalien zurück. Damit ist die Falle gestellt.

Für Roger Schmidt, Leiter Kommissariat Falschgeld der Bundeskriminalpolizei, ist es nicht erstaunlich, dass zurzeit wöchentlich mehrere Schweizerinnen und Schweizer den Weg nach Mailand antreten: «Die Täter haben sachkundige Leute zur Hand. Bei Immobilien sind es Architekten, bei kostbarem Schmuck oder Kunstobjekten sind es Edelsteinprüfer oder Kunstexperten.» Die Schweizer Verkäufer merken, dass sie einen Sachverständigen vor sich haben. Und das schafft Vertrauen. Dass das Opfer Schritt für Schritt in kriminelle Geschäfte verstrickt wird, ist auf Anhieb nicht zu erkennen.


Wer auf den Handel eingeht, verliert sein Geld garantiert

Doch die Bande täuscht den Kauf nur vor. In Wirklichkeit geht es um Steuerhin-terziehung, Devisenvergehen und Betrug. Beim zweiten Geschäft schlagen die Banditen vor, die Schweizer sollen mehrere Zehntausend oder gleich mehrere Hunderttausend Franken zum Wechseln mitbringen - gegen eine lukrative Provision.

Wer auf das Tauschgeschäft eingeht, kommt garantiert ohne Geld zurück. Entweder erhält er den Gegenwert in Falschgeld; oder er bekommt Papier-bündel, die mit echten Geldscheinen präpariert sind. Im Repertoire hat die Bande auch raffinierte Geldkoffer-Umtauschaktionen oder Entreissdiebstahl. «Die kriminelle Energie der Täter ist hoch», schreibt die Bundeskriminalpolizei, «in einem Fall wurde ein Opfer bei der Geldübergabe erschossen.»

Unser Mann, Goldmann, spielt seine Rolle gut. Wie alle Anwerber ist er eher klein gebaut und wirkt nicht besonders clever. Das gehört zur Taktik. Niemand kommt auf die Idee, Goldmann gehöre zu einer 300-köpfigen internationalen Verbrecherbande, die letztes Jahr Schweizern mindestens 20 Millionen Franken abgenommen hat.

Goldmanns Geschäfte laufen ausgezeichnet. Ständig unterbricht das Piepsen eines seiner Handys unser Gespräch. Goldmann vereinbart neue Termine mit möglichen Opfern aus der Schweiz.



Betrügerische Absichten

Folgende Indizien deuten auf die Gaunerbande hin:

- Es wird kaum über die Höhe des Kaufpreises verhandelt.

- Der Anrufer gibt vor, für einen kaufkräftigen Hintermann zu arbeiten.

- Die Verhandlungen sollen im Ausland stattfinden, vorzugsweise in Norditalien, aber auch in Spanien, Belgien oder Frankreich.

- Dem Verkauf geht vor allem Geldumtausch voraus. Achtung: Wer Geld aus kriminellen Quellen entgegennimmt, riskiert eine Verurteilung wegen Geldwäscherei.

Wer Kontakt mit den Betrügern hat, wendet sich am besten schriftlich an:Bundesamt für Polizei, Bundeskriminalpolizei, Kommissariat Falschgeld, Bundesrain 20, 3003 Bern, Tel. 031 323 11 23

Auch die italienische Polizei ist dankbar für Mitteilungen: Tel. 0039 02 62 26 1 (Signora Ziegler spricht Deutsch)

30. April 2003


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