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Rückstände von Chemikalien und Medikamenten belasten Flüsse und Seen. Vereinzelt finden sich die Stoffe schon im Trinkwasser.
Die Qualität unseres Trinkwassers zu sichern, wird immer anspruchsvoller», sagt Ulrich Bosshart, verantwortlich für die Qualitätsüberwachung bei der Wasserversorgung Zürich (WVZ).
130 Millionen Franken werden in der Schweiz jedes Jahr für die Aufbereitung ausgegeben. Während Quellwasser gar nicht und Grundwasser nur einfach aufbereitet wird, ist die Aufbereitung von Oberflächenwasser aufwändig und teuer. Bevor das Wasser aus Flüssen und Seen - immerhin 20 Prozent des Trinkwassers - in die Haushalte fliesst, wird es mehrfach gefiltert und mit Ozon behandelt.
Der Aufwand ist so gross, weil Flüsse und Seen zunehmend mit Rückständen von Chemikalien und Medikamenten belastet sind. Sorgen bereiten Wissenschaftern die endokrinen Substanzen - Stoffe, die wie Hormone wirken. Sie stecken in Kosmetika, Waschmitteln und Medikamenten.
Heikle Substanzen laufen durch Kläranlagen hindurch
Viele dieser Problemstoffe gelangen über die 160 Liter Wasser, die in der Schweiz täglich pro Kopf verbraucht werden, ins Abwasser - und damit wieder in den Wasserkreislauf. «Unsere Kläranlagen sind immer noch darauf ausgerichtet, Kohlenstoff, Phosphat und Stickstoff zu eliminieren», so Urs von Gunten von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag). «Heikle Substanzen laufen zum Teil einfach durch die Anlagen hindurch.»
Bei den Fischen finden sich immer mehr Zwitterwesen
So wurden in Bächen, die bis zu 80 Prozent geklärtes Abwasser enthalten, bereits hormonwirksame Substanzen nachgewiesen - darunter auch der hochproblematische Wirkstoff der Antibabypille, 17a-Ethynilestradiol. Zwischen 0,5 und 5 Nanogramm haben Wissenschafter pro Liter bereits gemessen. Das klingt nach einer geringen Menge - ein Nanogramm pro Liter ist etwa ein Tropfen in einem 50-Meter-Bassin - doch die Wirkung ist enorm: «Fische zeigen bereits bei einer Östrogenkonzentration von 4 Nanogramm Veränderungen in ihrer Geschlechtsentwicklung», erklärt Karl Fent, Ökotoxikologe und Dozent an der Fachhochschule Basel. «Männliche Fische bilden weibliche Geschlechtsmerkmale, die Zahl der Zwitterwesen nimmt zu.»
Biologen beobachten schon seit 15 Jahren abnehmende Fischbestände und eine Verschlechterung des Gesundheitsszustandes der Tiere. «Das könnte ein Hinweis sein, dass sich die Qualität der Flüsse und Seen und damit auch der Trinkwasserressourcen verschlechtert hat», sagt Adriano Joss. Der Eawag-Wissenschafter drückt sich vorsichtig aus - akute Gefahr für das Trinkwasser bestünde noch nicht. «Aber Wasserkreisläufe sind durchlässig», mahnt Joss. Das heisst: Chemikalien und Medikamente, die in Flüsse gelangen, finden sich zwangsläufig irgendwann auch im Grundwasser und in Seen. In Deutschland wurden im Grundwasser und vereinzelt sogar im Trinkwasser Spuren von Hormonen und Arzneimitteln nachgewiesen, darunter Stimmungsaufheller und Schmerzmittel.
In der Schweiz hat man solche Spurenstoffe noch nicht entdeckt. Möglicherweise liegt das aber nur daran, dass man gar nicht danach sucht. «Die kantonalen Labors sind nicht dafür ausgerüstet», sagt Alfred Besl, Bereichsleiter Wasser des Kantonslabors Zürich.
Die Wasserversorgung Zürich liess immerhin vor zwei Jahren ihre Ressource, den Zürichsee, analysieren. «Es wurden keine Hormonrückstände gefunden», sagt WVZ-Vertreter Urich Bosshart. Das verwundert nicht: Die Nachweisgrenze der damaligen Analyse lag bei 10 Nanogramm - eine Konzentration, die selbst direkt unter dem Ausfluss einer Kläranlage kaum erreicht wird. Bosshart verspricht, bei der nächsten Untersuchung auf eine tiefere Nachweisgrenze zu bestehen - möglich sind heute 0,1 Nanogramm.
Manche Stoffe durchbrechen sämtliche Barrieren
Bevor das Wasser des Zürichsees in die Haushalte strömt, wird es zweimal mit Ozon behandelt. Durch dieses aggressive Verfahren werden die gefährlichen Östrogenverbindungen unschädlich gemacht. Doch es gibt verschiedene Substanzen, die sich selbst mit den aufwändigsten Verfahren nicht aus dem Wasser herausfiltern lassen. So gelangen Röntgenkontrastmittel über Arztpraxen und Spitäler in den Wasserkreislauf und sind auch im Trinkwasser aus dem Zürichsee nachzuweisen.
«Aus toxikologischer Sicht ist diese Substanz nicht gefährlich», sagt Adriano Joss, «aber es ist ein Alarmzeichen, dass es Stoffe gibt, die sämtliche Barrieren durchbrechen.»
11. Juni 2003 | Sigrid Cariola
