SternSternSternStern (1)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | saldo 1/2004

Tausende von Tieren sterben im Namen der Schönheit

Gegen 40 000 Tiere opfern europäische Kosmetikfirmen Jahr für Jahr zur Entwicklung neuer Produkte. Dabei käme die Branche auch ohne Tierversuche aus.

Weisse Kaninchen mit kahl geschorenem Fell und grossen, entzündeten Augen, die aus einem viel zu engen Käfig blicken. Den meisten Konsumenten haben sich solche Bilder ins Gedächtnis gegraben, als sie vor gut zehn Jahren durch die Medien gingen: Tierquälerei für Schönheitsprodukte. Seither ist es ruhig geworden um die dunkle Seite der Kosmetikindustrie.

Geändert hat sich aber wenig. Tierschutzorganisationen aus Deutschland und England schätzen, dass in Europa Jahr für Jahr 38 000 Tiere für Versuche geopfert werden: Ratten, Mäuse, Kaninchen, Hunde - sie sind Objekte für Tests auf Allergien und Schleimhautreizungen, auf Schädigung des Erbguts und der Nachkommen. An ihnen werden Substanzen auf mögliche Krebs auslösende Eigenschaften und ihre Giftigkeit untersucht.


Tierversuche: Alternativmethoden zu wenig gefördert

In Deutschland, England, Holland und der Schweiz sind Tierversuche für Endprodukte wie Wimperntusche, Haarfärbemittel oder Shampoo schon seit Jahren nicht mehr erlaubt. An kosmetischen Rohstoffen sind sie jedoch nur verboten, wenn diese ausschliesslich für Kosmetika verwendet werden.

Die Kosmetikfirmen rechtfertigen ihre Versuche am Tier mit dem Wohl der Konsumenten. Die Sicherheit der Produkte habe absoluten Vorrang, heisst es unisono. Ergebnisse aus Tierversuchen liessen sich kaum auf den Menschen übertragen, kritisieren die Tierversuchsgegner.

Die Kosmetikfirmen spielen den Ball zurück: Man würde gern auf Tierversuche verzichten, aber es gebe nur wenige anerkannte alternative Methoden. - Weil zu wenig Geld in die Forschung gesteckt wird, kontern die Gegner.

«Es gibt rund ein Dutzend Standardtests», sagt Corina Gericke, Tierärztin und Fachreferentin beim deutschen Bundesverband Menschen für Tierrechte. Die EU hat bislang aber nur für drei von ihnen Alternativmethoden anerkannt. Darunter ist der Episkin-Test, der die Hautverträglichkeit ermittelt. Statt auf der Haut von geschorenen Kaninchen wird die Substanz an Kulturen menschlicher Hautzellen getestet.

Das Pingpongspiel der Argumente zwischen Gegnern und Befürwortern von Tierversuchen zieht sich in Europa schon bald zehn Jahre hin. Ein klares Tierversuchsverbot für Kosmetika und ihre Inhaltsstoffe ist in der EU noch immer nicht in Kraft.

Dabei würden die Konsumenten einen Verzicht begrüssen: In einer Umfrage der englischen Vereinigung gegen Tierversuche (BUAV) in verschiedenen europäischen Ländern sprechen sich 70 Prozent für ein Verbot aus. In England und Italien sind es sogar 80 Prozent.


Vermarktung: USA und Japan verlangen Tests an Tieren

Doch die Konsumenten haben ein Problem: Kaum jemand hat den Überblick, welche Produkte an Tieren getestet werden und welche nicht. Die Schweizer Vereinigung für die Abschaffung der Tierversuche (Atra) hat Kosmetikfirmen deshalb gefragt, ob sie Rohstoffe oder Endprodukte an Tieren testen oder Tests in Auftrag geben (siehe Kasten).

Unter jenen Firmen, die Tierversuche machen, figurieren auffällig viele multinationale Firmen wie L'Oréal, Procter & Gamble, Unilever. Jürg Zysset von Lever Fabergé in Zug: «Als weltweit operierendes Unternehmen sind wir an die Gesetze der verschiedensten Länder gebunden.» Es würden jedoch keine Produkte und Rohstoffe an Tieren getestet, wenn dies nicht gesetzlich verlangt wird. Ähnlich argumentiert Procter & Gamble. Beide Firmen geben an, in Europa seit Jahren keine Endprodukte mehr an Tieren zu testen.

«Wer seine Produkte jedoch in den USA oder in Japan vermarkten will, muss nachweisen, dass er sie an Tieren getestet hat», weiss Tierärztin Corina Gericke. «Die Globalisierung bremst den Fortschritt.» Das Problem allein auf unsinnige ausländische Bestimmungen abzuwälzen, wäre jedoch zu einfach.


Tierrechts-Signet: Nur wenige Produkte erfüllen Auflagen

Im Kosmetikbereich werden über 8000 Stoffe eingesetzt, die bereits erforscht sind. «Würden sich Hersteller auf diese Substanzen beschränken, wäre das Problem ge-löst», sagt Urs Wendling vom Verein Schweizer Tierrechts-Signet. «Neue Tierversuche wären nicht mehr nötig.» Doch auf eine solche Selbstbeschränkung wollen sich die meisten Hersteller nicht einlassen. Sie fürchten Wettbewerbsnachteile. Michael Meyberg vom Qualitätsmanagement bei Beiersdorf: «Wenn wir Produkte verbessern wollen, müssen wir auch neue Substanzen einsetzen dürfen.»

Ein anderes Verständnis von Fortschritt hat die Migros-Tochter Mibelle. Sprecherin Monika Weibel: «Innovation ist nicht nur durch neue Wirk- und Rohstoffe möglich, sondern auch durch neue Kombinationen bekannter Stoffe.»

Konsumenten, die Wert darauf legen, dass ihre Kosmetika und deren Inhaltsstoffe auch in der Vergangenheit nie an Tieren getestet wurden, können auf Produkte mit einem speziellen Label zurückgreifen: Häschen mit Herz. Die Auflagen für das Label sind streng. Die Firmen müssen nachweisen, dass sie Substanzen verwenden, die nach 1979 nicht im Tierversuch getestet wurden. Entsprechend klein ist denn auch die Palette, die den Konsumenten zur Auswahl steht.


EU-Gesetze: Wenig Klarheit, viele Schlupflöcher

Auf europäischer Ebene steht die Zeit still. Zwar stimmte das EU-Parlament im Januar 2003 einem Gesetz zu, das Tierversuche für Kosmetika ab 2009 verbietet. Doch ein Vermarktungsverbot für solche Produkte soll erst in zwei Stufen ab 2009 und 2013 erfolgen. Stehen bis dann keine anerkannten Alternativmethoden zur Verfügung, wird das Verbot erneut aufgeschoben.

«Die Tierschützer sind mit dieser Regelung nicht zufrieden», sagt Corina Gericke, «sie bietet zu viele Schlupflöcher.» Frankreich und die Europäische Vereinigung für kosmetische Inhaltsstoffe erachten die Löcher indes als nicht gross genug: Sie haben beim Europäischen Gerichtshof interveniert.

Immerhin haben die Konsumenten die Wahl: Es gibt genügend Produkte auf dem Markt, die ohne Tierversuche auskommen.



Übersicht

Die Schweizer Vereinigung für die Abschaffung der Tierversuche (Atra) hat Kosmetikfirmen befragt, ob sie Rohstoffe oder Endprodukte an Tieren testen oder solche Tests in Auftrag geben. Die Ergebnisse der Umfrage wurden mit Informationen anderer Tierschutzvereinigungen verglichen und ergänzt.


Diese Firmen sind mit dem Schweizer Tierrechts-Signet ausgezeichnet:

Athanor, Catherine Rentsch, Himalaya, Nacos-Naturkosmetikprodukte, Risana, St. Clou Naturkosmetik


Diese Firmen testen weder Rohstoffe noch Endprodukte an Tieren noch geben sie den Auftrag dazu:

Acqua Velva, Aramis, Avon, Beldam (Coop), Benetton, Bergline, Biokosma, Body Shop, Body Snell, Boots (No 7, Migros), Borlind, BWC, Chanel, Charlie, Christian Dior, Clarins, Clinique, Daniel Jouvance, d'Orsay, Dr. Hauschka, Estée Lauder, Gerda Spilmann, Givenchy, Glysolid, Juvena of Switzerland, John Paul Mitchell, Lakshimi, l'Occitane, Louis Widmer, Mibelle (Migros), Naturade, Paco Rabanne, Pure Plant, Rausch AG, Revlon, Schwarzkopf, Scherck, Trybol, Weleda, Yves Rocher, Yves Saint Laurent


Diese Firmen testen Rohstoffe oder Produkte an Tieren oder geben Tests in Auftrag:

L'Oréal
Marken: Biotherm, Cacharel, Elnett, Garnier, Giorgio Armani, Guy Laroche, Laroche-Posay, Helena Rubinstein, Lancôme, Matrix, Maybelline, Ralph Lauren, Redken, Vichy

Johnson & Johnson
Marken: Johnson's Baby, Neutrogena, Piz Buin, Roc

Procter & Gamble
Marken: Ace, Hugo Boss, Laura Biagiotti, Karl Lagerfeld, Calvin Klein, Old Spice, Pantene, Tempo, Vidal Sassoon

Unilever
Marken: Axe, Calvin Klein, Cerruti, Dove, Lux, Mentadent, Pond's, Rexona, Signal, Timotei, Valentino

Coty
Marken: Adidas, Chopard, Davidoff, Isabella Rosselini's, Joop, Lancaster

Weitere Firmen
Atkinsons, Beverly Hills, Binaca, Cadonett, Colgate-Palmolive, Clerasil, Defend, Denim, Elisabeth Taylor, Fabergé, Gemey, Gillette, Glicemill, Gloria Vanderbilt, Idosan, Phas, Pure & Vegetal, Rimmel, Squibb, Topexan, Veet

21. Januar 2004 | Sigrid Cariola


Beitrag als PDF
Tausende von Tieren sterben im Namen der Schönheit
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (1)

 
  • tanja | 10.08.2008, 12:45

    Liste der Hersteller die nicht testen ist nicht ganz korrekt

    -Estee Lauder, testet "wo es vorgeschrieben wird" an
    Tieren-steht selbst auf deren Homepage. Fliesst auch viel in die
    Krebsforschung. (Wiederum Tierversuche)
    -Loreal hat den Body Shop vor ca 2 Jahren gekauft. Somit fliesst
    dieses Geld indirekt auch wieder in Tierversuche. An der Haltung von
    Body Shop hat sich aber nichts geandert-keine Versuche.
    -Rausch AG verwendet Rohstoffe wie Bienenwachs und Lanolin, diese
    wurden frueher an Tieren getestet. Alle Naturreinen Pflanzenextrakte
    wurden nie an Tieren getestet.
    -Yves Sait Laurent gehoert zur Sanofi Gruppe (die Testen an
    Tieren...)
    -Donna Karan z.B. macht keine Tierversuche aber hat wieder Pelz im
    Kleidersortiment...---
    EIN HEXENKESSEL! Eigentlich jedesmal wenn wieder ein NEUES Produkt der
    Prestigelinien herausgegeben wird, hat es bei den meisten mit
    Tierversuchen zu tun.
    Man kann natuerlich auch "nicht" hinsehen.
    Ich versuche so gut wie moeglich meine Einkaeufe so zu taetigen das
    ich nichts dessen unterstueze. Abwasch, Reinigungsmittel, Zahnpasta
    ect.
    Am besten man informiert sich selber per Schreiben, die meisten geben
    auch Antwort.
    Wenn es heisst es wurden keine Tests am FERTIGEN Produkt vorgenommen
    heisst das noch lange nicht das fuer die Herstellung nicht getestet
    wurde!
    Solange die Medien nichts bis vielzuwenig davon wissen wollen, hat man
    ja praktisch keine Ausichten darauf das sich die Hersteller endlich
    mit ihren 8000 oder mehr bereits getesteten Rohstoffen zufrieden geben
    und auch endlich auf alternative Tests umstellen werden. Denn die
    Medien koennten soviele unwissende Menschen informieren, aber eben,
    wenns ums Geld geht hat bekanntlich das Herz meistens keinen Platz.
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Mehr als ein Drittel Sparpotenzial Migros und Coop: Gut verpackte Kundentäuschung Sparen beim Vorratseinkauf
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten