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Artikel | Gesundheits-Tipp 4/2004

Ein fragwürdiger Test für Schwangere

Die Unsicherheit von schwangeren Frauen nimmt zu. Immer mehr lassen deshalb das Fruchtwasser testen - auch junge und kerngesunde, die keinen Grund dazu haben.

Für Daniela C. (Name geändert) aus Zürich ist heute schleierhaft, wie sie sich für den Untersuch anmelden konnte: Sie war gesund, 29 Jahre jung und in der 16. Woche schwanger mit einem Wunschkind. Es gab keinen Anlass zur Sorge. Doch ihre Ärztin und zahlreiche Freundinnen hatten ihr zu einer Fruchtwasserpunktion geraten. Auch ihr Mann schien keine Argumente dagegen zu finden. «Ich fuhr unsicher zum Untersuch und liess alles mit mir geschehen», erinnert sich die kaufmännische Angestellte. «Aber nachher kam die grosse Krise.»



Die angehende Mutter konnte sich plötzlich nicht mehr richtig auf ihr Baby freuen: Drei Wochen musste sie auf das Ergebnis warten. Was tun, wenn das Kind nicht gesund ist? Sollte sie so spät noch abtreiben? Und was, wenn sie ein behindertes Kind behalten würde? Mit ihren Fragen und Ängsten fühlte sich Daniela C. allein. Ein erfreuliches Testresultat brachte ihr nach einem Monat dann endlich Erleichterung. Sie konnte sich uneingeschränkt auf ihr Baby freuen.



So wie der jungen Frau geht es heute vielen Schwangeren. «Viele sind stark verunsichert», sagt Wiepke Schäfer vom Verein für unabhängige Beratung und Information zu pränataler Diagnostik in Basel. «Der Wunsch nach Absicherung ist bei den Frauen stark vorhanden», sagt die Hebamme.





Eine Garantie auf ein gesundes Kind gibt es nicht



Die medizinische Technik und das zunehmende Wissen über die Genetik machen möglich, dass Ärzte häufiger Fehlbildungen oder Krankheiten erkennen können.



Bei einer Fruchtwasserpunktion oder Chorionbiopsie (siehe Kasten) können Ärzte das Erbgut des ungeborenen Kindes kontrollieren. Eine Garantie, dass das Kind wirklich gesund ist, gibt es aber auch nach diesen Tests nicht. Mit beiden Methoden können nur 80 Prozent aller Missbildungen vorgeburtlich erkannt werden.

Die häufigste Störung ist das so genannte Downsyndrom oder Trisomie 21 - früher als Mongolismus bezeichnet. Mit zunehmendem Alter steigt zwar das Risiko, ein Kind mit Downsyndrom auszutragen. Bei Frauen über 35 bezahlt die Krankenkasse den Eingriff. Doch das Risiko ist auch dann sehr klein:

- Bei einer 26-Jährigen liegt das Risiko, ein Kind mit Trisomie 21 zu gebären, bei knapp 1:1000.

- Bei einer 36-Jährigen liegt das Risiko bei 5:1000.

Dazu kommt: Die Fruchtwasserpunktion ist nicht harmlos. Das Risiko, durch den Eingriff eine Fehlgeburt zu erleiden, liegt gemäss internationalen Studien bei 10:1000. Bei einer Chorionbiopsie ist es gar noch höher.



Franziska Wirz vom unabhängigen Beratungstelefon Appella kommt deshalb zum Schluss: «Vergegenwärtigt man sich diese Zahlen, ist eine Fruchwasserpunktion unverhältnismässig.»



Dennoch unterziehen sich immer häufiger selbst unter 35-Jährige solchen pränatalen Tests, obwohl sie die Kosten - eine Fruchtwasserpunktion kostet 800 Franken - aus der eigenen Tasche bezahlen müssen.





Bei einem Abbruch leiten Ärzte eine Frühgeburt ein



Guido Savoldelli, Gynäkologe in Zürich und Spezialist in Sachen Fruchtwasserpunktion, schiebt den Ball seinen Patientinnen zu: «Das ist deren persönliche Entscheidung.»



Wiepke Schäfer beobachtet, dass eine Schwangerschaft bei der Frau «immer mehr über den Kopf läuft statt über den Bauch». Für die Hebamme gehört bei einer Schwangerschaft ein klein wenig Angst und Sorge ums Kind durchaus dazu. «Es ist normal, dass eine Frau sich immer wieder fragt, ob alles in Ordnung ist. Doch heute versuchen Frauen oft, dem aus dem Weg zu gehen.»



Kommt hinzu: Oftmals schöpfen Schwangere sämtliche Möglichkeiten an Vorsorgeuntersuchungen beim Ungeborenen aus, ohne sich aber zu überlegen, wie sie mit einem allfällig negativen Ergebnis umgehen würden - auch weil die Ärzte sie oft zu wenig vorbereiten.



«Schwangere sind sich der Konsequenzen gar nicht bewusst», so Schäfer. Die Frau muss sich im Klaren sein: Bei einem Fruchtwassertest ist sie bereits im fünften Monat schwanger. Entscheidet sie sich bei einem negativen Ergebnis gegen das Kind, ist nur noch ein Spätabbruch möglich. Denn der Fötus ist schon sehr weit entwickelt. Das heisst: Die Geburt wird frühzeitig eingeleitet.



«Das kann für eine Frau eine traumatisierende Erfahrung sein», erklärt Franziska Wirz. «Viele machen sich oft jahrelang ein schlechtes Gewissen und können kaum darüber reden. Deshalb wird dieses Thema auch totgeschwiegen.»





Daniela C.: «Ich war heillos überfordert»



Sie rät den Frauen deshalb, sich am besten vor einer Schwangerschaft mit dem Thema der vorgeburtlichen Untersuchungen zu beschäftigen - «es ist viel einfacher». Wann aber solche Tests für eine Frau angebracht seien - etwa, wenn in der Familie eine schwere Erbkrankheit vorkommt -, müsse jede für sich selbst entscheiden, und nicht ein Arzt oder Menschen in ihrer Umgebung.



Daniela C. ist mittlerweile Mutter einer gesunden Tochter. Nie mehr würde sie sich grundlos einer Fruchtwasserpunktion unterziehen. «Aber in der Situation konnte ich nicht mehr klar denken. Ich war heillos überfordert.»









Informationen

- www.appella.ch, Tel. 044 273 06 60

- Verein für unabhängige Beratung, Basel, Tel. 061 262 11 15







Haben Sie Erfahrungen mit vorgeburtlichen Tests? Haben Sie gar eine Fruchtwasserpunktion machen lassen?



Schreiben Sie uns. Wir behandeln Ihre Mitteilungen vertraulich.

Redaktion Pulstipp «Test, Postfach 277, 8024 Zürich oder redaktion@pulstipp.ch







Der Eingriff durch die Bauchdecke



Fruchtwasserpunktion (Amniozentese)

Mit einer langen Nadel sticht der Arzt durch die Bauchdecke in die Gebärmutter. Er entnimmt auf diese Weise Fruchtwasser, das er anschliessend untersucht. Der Test ist zwischen der 15. und 19. Schwangerschaftswoche möglich. Das Ergebnis liegt nach zwei bis drei Wochen vor, also im fünften Schwangerschaftsmonat. Risiko einer Fehlgeburt: 1:100.

Chorionbiopsie (auch Chorionzottenbiopsie)

Möglich ab der 10. Schwangerschaftswoche. Mit einer langen Nadel sticht ein ärztlicher Spezialist durch die Bauchdecke und entnimmt Zellmaterial von der Plazenta in der Gebärmutter. Das Ergebnis ist zwar nach wenigen Tagen da, aber weniger exakt als bei einer Fruchtwasserpunktion. Risiko einer Fehlgeburt: 1-5:100.

14. April 2004 | Gabriela Braun - gbraun@pulstipp.ch


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