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Artikel | saldo 8/2005

Schluss mit der langweiligen Einheitsmusik

Wer genug von nervender Werbung am Radio und pausenlosem Geplapper hat, findet immer mehr Alternativen im Internet.

Schluss mit der langweiligen Einheitsmusik

Es gibt sie noch, jene Musikstationen, die diesen Namen auch verdienen: Keine Werbung und keine Moderatoren, die ihre Sprüche für unverzichtbar witzig halten - dafür spielen die Sender viel gute, unbekannte Musik.

Bisher bot Cablecom übers Kabelnetz 40 solche Spartenradios an. Liebhaber bezahlten dafür 25 Franken monatlich. Auf Anfang April reduzierte der Kabelnetzriese sein Angebot klammheimlich von 40 auf 27 Stationen. Sprecher Stefan Hackh: «Stimmt. Der Programmlieferant hat das Angebot kurzfristig verändert. Einige Kanäle werden nicht mehr angeboten.»

Gut, hat sich in den letzten Jahren eine Alternative aufgebaut, die erst noch gratis ist: das Internetradio. Es wird oft von Idealisten aus Freude an der Musik betrieben - und in vielen Fällen nicht kommerziell. Thomas Bader von der Schweizer Vereinigung der Internetnutzer (Siug): «Immer mehr Konsumenten stellen auf Webradio um. Die Leute haben genug vom musikalischen Einheitsbrei und dem Kommerz privater Werbesender.»


Je schneller die Leitung, desto besser die Qualität

Technisch ist Radiohören am Computer ganz einfach: Es genügt ein Internetanschluss, mit Vorteil eine relativ schnelle Verbindung wie Kabel oder ADSL. Bei analoger Modemverbindung mit geringer Datenkapazität kann es zu Qualitätseinbussen wie Unterbrüchen oder schlechterem Ton kommen. Die Abspielprogramme können gratis aus dem Internet heruntergeladen werden (www.google.ch, Programmnamen und Stichwort «Download» eintippen). Die beliebtesten sind Real Audio Player, Windows Media Player, iTunes oder Winamp. Wer die Musik laut hören will, installiert Lautsprecher neben dem Computer oder schliesst das Gerät über ein Analogkabel an seine Stereoanlage an.


Suchdienst-Seiten verschaffen einen weltweiten Überblick

Das Angebot ist riesig: Egal ob alternativer Punk, amerikanischer Blues oder klassische Oper - das Netz bietet für jeden Geschmack etwas. Von Radio Space aus Aserbaidschan über den Polizeifunk im australischen Sydney bis zum Volksmusiknet aus St. Gallen lässt sich am Computer alles hören.

Bei diesem enormen Angebot geht schnell einmal die Übersicht verloren. Doch auch hier schafft das Internet Abhilfe: Seiten wie www.surf musik.de, www.radiosites.de oder www.shoutcast.com listen die Internetradios sortiert nach Land oder Musikstil auf. Der US-Suchdienst www. shoutcast.com sucht sogar nach Eingabe der Lieblingsband weltweit alle Stationen ab, die gerade ein Lied des persönlichen Favoriten spielen.

Der neuste Trend heisst Podcasting. Dabei stellen Privatpersonen MP3-Dateien mit eigenem Text oder Musik ins Internet. Die Werke können dann weltweit kostenlos heruntergeladen und auf mobilen MP3-Abspielgeräten wie dem iPod angehört werden.

Die Radios ohne Werbung leben hauptsächlich von Spenden aus der Hörerschaft oder Anzeigen auf ihrer Homepage. www.lounge-radio.com aus Baden AG zum Beispiel nimmt jährlich bescheidene 500 Franken aus Spenden von Hörern weltweit ein. Betreiber Thomas Zumbrunnen spielt Musik, die von UKW-Radios normalerweise ausgeblendet wird. «Wir legen für das Betreiben des Internetradios jährlich weit über 10 000 Franken drauf. Unser Hobby ist uns das wert.»

Doch immer mehr Webradios kämpfen mit finanziellen Problemen, seit sich die Musikindustrie auf die unabhängigen Privaten eingeschossen hat. So bezahlt allein Loungeradio jedes Jahr rund 7000 Franken Lizenzgebühren an die Internationale Vereinigung der Plattenproduzenten IFPI Schweiz sowie an die Urheberrechtsgesellschaft Suisa.


Deutschland: Massiv erhöhte Gebühren für Internetradios

Verschiedene werbefreie Webradios mit ein paar Dutzend Zuhörern können sich diese neuen horrenden Gebühren nicht länger leisten. Experte Zumbrunnen: «Viele private kleine Radiomacher mussten aufgeben, weil sie diese hohen Gebühren in die Knie zwangen.»

Internetradios sind den grossen Plattenfirmen ein Dorn im Auge. Grund: Die Musikkonzerne fürchten, dass Konsumenten Songs aus Webradios für den Eigengebrauch kopieren - obwohl dies völlig legal ist (siehe Kasten Seite 18).

Dies bestätigt auch das Beispiel Deutschland: Dort bezahlen die Sender seit Anfang April zehnmal höhere Urheberrechtsgebühren - zum Teil bis zu 45 000 Franken im Jahr. So kompensiert die Industrie entgangene Einnahmen aus überteuerten CD-Verkäufen. Die Folge: 90 Prozent der rund 15 000 Webradios in Deutschland stehen vor dem Aus.

Immerhin: Bisher sind die meisten Länder noch nicht dem deutschen Beispiel gefolgt. So gibt es weiterhin weltweit Tausende Radiostationen, die das Ohr des Hörers durch gute Auswahl und frischen Sound überraschen.



So können Sie Radiosongs aufnehmen

Radiohören am Computer ist gut - Radiosongs digital aufnehmen noch besser. Früher musste bei Kassettengeräten die Aufnahmetaste im richtigen Moment gedrückt werden - heute erledigt das der Computer. Beim Radiohören über Internet wird die Musik nur abgespielt, nicht aber auf der Festplatte des PC oder Mac gespeichert. Dazu braucht es Gratisprogramme wie Streamripper oder Radiolover, die die Stücke einzeln als MP3-Dateien aufzeichnen und mit Interpret und Titel beschriften. Benutzer können auch manuell aufnehmen. Die Dateien werden in einem Ordner auf der Festplatte abgespeichert und sind immer verfügbar. So lässt sich die eigene Musiksammlung gratis erweitern und auf MP3-Playern abspielen oder auf CD brennen.



Webmusik für jeden Geschmack
Rock/Pop
- Wazee Alternative Rock, USA, www.wazee.org
- Frequence 3, Frankreich, www.frequence3.org
- The 80es Channel, USA, www.club977.com
- Musik Extreme, Deutschland, www.rautemusik.fm
- Radiosfera, Polen, www.radiosfera.pl
Jazz/Blues/RnB
- Smoothjazz, USA, www.smoothjazz.com
- Swissgroove, Schweiz, www.swissgroove.ch
- Jam FM, Deutschland, www.jamfm.de
- TSF Jazz, Frankreich, www.tsfjazz.com
- Boombastic Radio, USA, www.boombasticradio.com
Weltmusik
- Radio Mazaj, Ägypten, www.radiomazaj.com
- Pinoy-Radio, Philippinen, www.pinoy-radio.com
- Radio Tamtam, Senegal, www.seneweb.com
- Radio Moris, Mauritius, http://radiomoris.com/rm
- Macondo, Korea, www.orsradio.com/salsa.php
Klassisch
- Blue FM, Polen, www.bluefm.net
- Mostly Classical, USA, www.sky.fm
- Radiomax, Ungarn, www.radiomax.fm
Volksmusik/Country
- Volksmusiknet, Schweiz, www.volksmusiknet.ch
- Always Country, USA, www.alwayscountry.net
Information
- BBC World Service, England, www.bbc.co.uk/radio/
- Deutsche Welle, Deutschland, www.dw-world.de
- Ö1, Inforadio, Österreich, http://oe1.orf.at/inforadio/
- Radio New Zealand International, www.rnzi.com/ pages/audio.php
Internetradio-Suchdienste
Shoutcast.com, Surfmusik.de, Radiosites.de

27. April 2005 | Marc Meschenmoser


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