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Artikel | saldo 13/2005

Noch gibts die Freilandeier

Wegen der Vogelgrippe sperrt Holland alle Hühner vorbeugend in die Ställe ein. Deutschland erwägt das Gleiche. Nur in der Schweiz scharrt das Federvieh noch immer im Freien.

Meine Hühner kann ich doch nicht ins Schlafzimmer nehmen», sagt Marcel Egli. Der Treuhänder hält neben seinem Reihenhaus in Wallisellen vier Hennen. Er rechnet nicht damit, dass seine Tiere von einem Zugvogel aus Russland mit der Vogelgrippe infiziert werden könnten.

Genauso denken die meisten der rund 10 000 kleinen Schweizer Geflügelzüchter. Laut Ruedi Zweifel, Direktor des branchennahen Aviforums in Zollikofen BE, wurden sie «von ihrem Verband und den Behörden informiert und vor Gefahren gewarnt». Auch die rund 4000 grösseren Schweizer Betriebe seien für den Ernstfall vorbereitet.


Schweiz: «Momentan nur geringe Gefahr für eine Infektion»

Hollands Regierung ist weiter gegangen. Sie verordnete die «Stallpflicht». Bis mindestens Anfang 2006 werden nun fünf Millionen Tiere die Sonne nicht mehr sehen. Die Niederlande sind damit das erste Land in Europa, das derart massiv gegen die Vogelgrippe vorgeht. Das Agrarministerium geht jedoch davon aus, dass andere Länder folgen werden. Deutschland etwa ist vorbereitet. Per Eilverordnung kann die Verbraucherministerin jederzeit die Freilandhaltung verbieten. «Wir passen die Massnahmen ständig den Gefahren an», sagt Ministeriumssprecherin Gabriele Martin.

Der Epidemiologe Robert Steffen von der Universität Zürich hält das Vorpreschen der Holländer und Deutschen für «etwas überzogen». «Wir sollten nicht in Alibiübungen verfallen. Hauptsache, die Antennen sind bei Produzenten und Behörden bereits heute ausgefahren.»

Ganz ausschliessen will auch das Bundesamt für Veterinärwesen eine «Stallpflicht» nicht. Bei einem Vordringen der Vogelgrippe nach Europa müsse die Freilandhaltung überdacht werden, erklärte unlängst Sprecher Marcel Falk. Momentan bestehe jedoch nur eine geringe Gefahr, dass Zugvögel die Seuche bis in die Schweiz tragen und freilaufendes Federvieh infizieren.

Falls die Behörden die «Stallpflicht» doch noch verordnen, haben die Verbraucher, die Freiland- und Bio-Eier kaufen, ein Problem. Schliesslich stellt sich dann die Frage: Sind Bio-Eier von eingesperrten Hennen noch Bio-Eier? Die Experten sind sich uneinig: «In einer Seuchensituation: Ja!», sagt Branchenmann Ruedi Zweifel. Angesichts der «Stallpflicht» wären schliesslich auch Bio-Betriebe verpflichtet, ihre Tiere nicht mehr in den Auslauf zu lassen. Ihre Produkte dürften sie nach Einschätzung Zweifels aber weiter als «Bio» verkaufen. Die Verbraucher wüssten ja über die Produktionsbedingungen Bescheid.


«Deklaration der Produkte muss angepasst werden»

Anders sieht das Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz. Im Fall der Fälle muss der Hersteller ihrer Ansicht nach die Deklaration der Produkte anpassen. «Nur so erreichen wir, dass die Konsumenten nicht verunsichert oder getäuscht werden.»

Um sich vor Ansteckung zu schützen, rät Walpen den Konsumenten, auf die Herkunft des Poulets zu achten. Vorsicht geboten sei besonders bei verarbeiteten Produkten wie Nuggets oder Plätzli unbekannter Herkunft. Ihr Rat: Man sollte wenn möglich Schweizer Poulet kaufen.



Vogelgrippe: Bisher 57 Tote

Die Vogelgrippe ist erstmals 1997 in Hongkong ausgebrochen. Im Jahr 1999 tauchten Fälle in Norditalien auf, 2003 in Holland. 2004 kam es zu einem neuen Ausbruch in Ostasien. Das Virus ist inzwischen auf den Menschen übertragen worden. Bisher sind 57 Erkrankte an der Vogelgrippe gestorben. Bei insgesamt 112 Patienten sind Geflügelviren nachgewiesen worden. Häufigste Symptome sind Fieber, Halsschmerzen und Husten - wie bei einer herkömmlichen Grippe. Das grösste Verbreitungsrisiko besteht in Regionen, wo Hühner eng mit Menschen zu-sammenleben und Geflügel auf Märkten lebend gehandelt wird.

31. August 2005 | Reto Widmer


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