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Die Grossverteiler knöpfen ihren Kunden jährlich 24 Millionen Franken für Papier- und Plastiksäcke ab. Alle anderen Geschäfte verschenken die Tragtaschen - schliesslich ist das beste Werbung.
Wer in einem Laden etwas kauft, erhält eine Tragtasche mit Firmenlogo. Die Unternehmen wissen, wie effizient Werbung auf Papier- oder Plastiksäcken ist: Sie ist viel billiger als jeder Fernsehspot, mobiler als alle Plakate und auffälliger als manches Inserat. Peter Leutenegger, Präsident des Verbands der Schweizer Werbeagenturen BSW, bestätigt, dass die flächendeckende Präsenz solcher Tragtaschen einen sackstarken Werbeeffekt erzielt: «Die Taschen folgen ihren Besitzern auf Schritt und Tritt. Aus dem Laden, in die Menschenmenge auf die Strasse, in Tram und Zug, bis nach Hause. Kurz: Tragtaschen sind das perfekte Werbemedium.»
Einnahmen von 24 Millionen Franken für die Branche
Deshalb sind sie auch gratis. Niemand bezahlt dafür, dass er für andere Werbung macht. Niemand? Merkwürdigerweise doch. Die Kunden von Coop, Migros, Denner & Co. legen seit Jahren für jeden Sack 30 Rappen hin. Die Branche verkauft schätzungsweise jährlich gegen 80 Millionen Tragtaschen im Wert von 24 Millionen Franken. Wenn die Lebensmittelhändler einen Sack für 10 Rappen einkaufen, verdienen sie also etwa 16 Millionen Franken an den Werbetaschen.
saldo fragt bei den Grossverteilern nach: Warum müssen die Konsumenten dafür bezahlen, dass sie als wandelnde Litfasssäulen durch die Schweiz ziehen? Eigentlich sollte man sie dafür entschädigen - ein Gratissack wäre das Mindeste.
Das sieht man bei der Migros anders. Mediensprecherin Monika Weibel: «Die meisten Leute stellen berühmte Markennamen auf Kleidern oder Schuhen sogar mit Stolz zur Schau.» Ist der Migros-Papiersack demnach ein Designerartikel? «In gewissem Sinne schon», findet Weibel. «Viele Kunden lieben unsere Tragtaschen mit den Kunstsujets.» Mag sein, doch wenn die Säcke gratis wären, täte das der Liebe gewiss keinen Abbruch.
Am umweltverträglichsten sind Säcke ohne Aufdruck
Auch Denner erkennt nicht den geringsten Widerspruch darin, die eigenen Kunden als Werbeträger einzusetzen und ihnen gleichzeitig die Sackgebühr zu verrechnen. Kommunikationsleiterin Eva-Maria Bauder argumentiert ökologisch: «Es ist gerechtfertigt,30 Rappen pro Sack zu verlangen - ob dieser nun unser Firmenlogo trägt oder nicht. Der Preis soll die Kunden motivieren, die Tasche mehrmals zu verwenden, statt sie wegzuwerfen.» Klingt einleuchtend, ist aber nur die halbe Wahrheit. Am umweltverträglichsten sind nämlich farb- und somit logofreie Papier- oder Plastiksäcke. Billiger wären sie ohnehin. Warum bietet Denner dann nicht unbedruckte Tragtaschen an? «Weil das werbetechnischer Selbstmord wäre», sagt Detailhandelsexperte Gotthard F. Wangler. «Lieber würden die Grossverteiler die Säcke gratis abgeben, als dass sie ihr Logo weglassen.»
Am allerliebsten aber verdienen sie möglichst viel an den Taschen. Die bislang lukrativste Variante hat Coop ausgeheckt. Auf Papiersäcken, die derzeit verkauft werden, wirbt der Grossverteiler nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Waschmittel Persil der Firma Henkel. Natürlich lasse man sich das vom Hersteller zahlen, so Coop-Sprecher Jörg Birnstiel. Der Grossverteiler kassiert also doppelt: von den Konsumenten und von Henkel.
Sogar BSW-Präsident Leutenegger stört, dass Coop die Hand zweimal aufhält: «Wenn die Säcke Werbung für Markenartikel tragen, sollten sie für die Kunden gratis sein.» So sieht es auch Detailhandelsexperte Wangler: «Coop überspannt den Bogen.»
Ungeklärt ist zudem die Frage: Weshalb müssen Kunden in den Lebensmittelabteilungen der Grossverteiler für einen Sack bezahlen, während sie ihn gratis bekommen, wenn sie im gleichen Laden Textilien einkaufen? «Das ist einfach so», begründet Birnstiel wenig erhellend. Aldi Suisse verkauft die Papiertragtaschen für 19 Rappen, also real für 15 Rappen, weil solche Beträge abgerundet werden. Das ist immer noch zu viel. Bei Jumbo und Carrefour denke man darüber nach, die Säcke wieder gratis abzugeben, sagt Mediensprecher Peter Stefani.
Boykott: Italiener drehen bedruckte Seite nach innen
In Italien haben Konsumentenschützer zum Widerstand gegen die Supermärkte aufgerufen: Wer für einen Plastiksack bezahlen muss, soll die bedruckte Seite nach innen stülpen. So wird die Werbebotschaft unlesbar. Das durchkreuzt die Strategie der Supermärkte und schmerzt sie mehr, als sie zugeben.
18. Januar 2006 | Franco Tonozzi
