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Artikel | Gesundheits-Tipp 1/2006

Fall Vioxx: Swissmedic behindert Untersuchung

Vioxx-Opfer und ihre Angehörigen warten noch immer auf Schadenersatz. Doch die Arzneimittelbehörde Swissmedic hält wichtige Akten unter Verschluss.

Vioxx-Studien alarmierten vor eineinhalb Jahren Millionen von Rheumapatienten: Das Medikament stand plötzlich im Verdacht, für Tausende von Herzinfarkten verantwortlich zu sein. Nur wenig später kam eine weitere schockierende Nachricht: Interne E-Mails belegten, dass Forscher des Vioxx-Herstellers Merck schon länger von den tödlichen Risiken wussten.

Seither klagen Patienten auf der ganzen Welt auf Schadenersatz - allein in den USA sind über 6000 Fälle hängig. In der Schweiz sind es mindestens ein Dutzend. Jetzt hat sich der Zürcher Staatsanwalt Hans Maurer eingeschaltet. Er prüft, ob der Staat den US-Pharmamulti Merck der fahrlässigen Tötung oder der schweren fahrlässigen Körperverletzung anklagen muss.


«Verhalten von Swissmedic ist inakzeptabel»

Doch statt den brisanten Fall zügig voranzubringen, muss sich der Staatsanwalt mit der Heilmittelbehörde Swissmedic herumschlagen. Diese verweigert ihm die Einsicht in wichtige Akten, die er für die Untersuchung benötigt, unter anderem Zulassungsentscheide für das Medikament sowie Dokumente von Merck und Swissmedic. 200 Bundesordner hält die Behörde unter Verschluss - angeblich aus Gründen des Datenschutzes.

Für Maurer ist dies irritierend: «Normalerweise arbeiten die Behörden zusammen. Doch offenbar gewichtet Swissmedic die Interessen von Merck höher als jene der Geschädigten und der Öffentlichkeit.» Maurer klagt nun gegen Swissmedic. Der Fall liegt beim Bundesstrafgericht in Bellinzona. Der Staatsanwalt hofft, dass er auf diesem Weg Einsicht in die Akten erhält. Das Verhalten des Arzneimittelinstituts stösst bei der Schweizerischen Patientenorganisation auf Empörung. Präsidentin Margrit Kessler: «Das Verhalten der Swissmedic ist inakzeptabel. Die Behörde ist dazu da, die Interessen der Patienten zu vertreten - nicht die der Industrie.»

Der Vorwurf, der Pharmalobby nahe zu stehen, ist für die Swissmedic nicht neu. Grund: Die Institution müsste eigentlich die Pharmaindustrie kontrollieren. Doch sie wird von ihr zu 70 Prozent finanziert. Die Geschäftsführung besteht mehrheitlich aus Ex-Kaderleuten der Pharmabranche.

Auf die Kritik von Staatsanwalt Maurer und der Präsidentin der Patientenorganisation will Swissmedic nicht eingehen: Weil das Verfahren beim Bundesstrafgericht hängig sei, verzichte man auf eine Stellungnahme, so die Presseverantwortliche.

Die Merck-Tochterfirma MSD Schweiz zeigt sich nach eigenen Angaben interessiert, an «allen erforderlichen Abklärungen mitzuarbeiten». Zum Streitfall zwischen Swissmedic und dem Staatsanwalt möchte MSD Schweiz jedoch keine Stellung beziehen.


Neue Vorwürfe gegen Vioxx-Hersteller Merck

Seit Beginn des Vioxx-Skandals gibt es kaum einen Monat ohne brisante Enthüllung. Der neuste Verdacht: Merck soll vor fünf Jahren eine klinische Studie über die Nebenwirkungen von Vioxx verfälscht haben. Dies dementiert MSD Schweiz: Merck habe nie falsche Daten in Studien einfliessen lassen oder Studienergebnisse verändert.

Wie die Chancen für eine allfällige Schadenersatz-Zahlung aussehen, ist noch unklar: Diesbezüglich hätten die Prozesse in den USA Vorbildcharakter, sagt der Anwalt der Geschädigten, Werner Ott. «Sollte Merck aber eine Medikamenten-Studie durch Weglassen von Todesfällen geschönt haben, so wäre dies für die Pharmafirma sehr belastend.»

18. Januar 2006 | Gabriela Braun


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