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Ob es schneit oder stürmt - zwischen Dezember und März hütet Rolf Beutler Tag und Nacht seine Schafherde. In einem warmen Büro arbeiten - das kann er sich nicht vorstellen.
Herr Beutler, Sie sind auch im Winter den ganzen Tag an der frischen Luft. Macht Ihnen die Kälte nichts aus?
Ich ziehe mich warm an - möglichst dünne Kleider, dafür in vielen Schichten übereinander - und ich laufe viel. So lässt sich die Kälte ertragen. Unangenehm ist es nur, wenn es lange regnet und die Wiesen schlammig sind.
Trotzdem haben Sie keine Lust, in einem warmen Büro zu arbeiten?
Wenn ich sehe, wie andere Menschen bei wunderschönem Wetter im Büro sitzen müssen, denke ich: «Das sind arme Teufel.»
Sind Sie Tag und Nacht bei den Schafen?
Ja. Früher übernachtete ich in einem Zelt, das ich tagsüber auf einen Esel lud. Das gefiel mir. Ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Seit einigen Jahren schlafe ich aber in einem Wohnmobil. Das ist gesünder, als im Zelt zu schlafen - im Winter war es oft kalt und feucht.
Können Sie gut neben Ihrer Herde schlafen?
Seit ein paar Jahren zäune ich die Schafe nachts ein. Vorher hatte ich einen 24-Stunden-Job. Ich konnte nie durchschlafen. Jetzt sind die Schafe in der Nacht ruhiger. Ich erwache aber immer noch jede Nacht ein- oder zweimal und horche, ob die Schafe noch da sind.
Ist es gesund, wenn man den ganzen Tag draussen ist?
Ja. Ich habe immer genug Bewegung, weil ich mit der Herde alle paar Stunden weiterziehe. Wenn es nass ist, wird es aber gefährlich. Denn es ist schwierig, sich gegen die Feuchtigkeit zu schützen. Auch mit wasserdichter Kleidung wird man feucht, weil man schwitzt.
Macht Ihnen die Einsamkeit nicht zu schaffen?
Ich bin gern alleine. Im Sommer arbeite ich auf einer abgelegenen Alp. Dort sehe ich manchmal wochenlang keine anderen Menschen. Im Winter bin ich zwar nahe bei den Dörfern, aber ich kenne die Einwohner nicht. Ich fühle mich wohler auf der Alp, wo ich total alleine bin.
Was meint Ihre Familie dazu, dass Sie so lange auf Wanderschaft sind?
Als meine Tochter kleiner war, hatte sie keine Freude daran, dass ich so oft weg bin. Meine Frau wusste hingegen, worauf sie sich einliess. Denn ich arbeitete bereits als Schafhirt, als ich sie kennen lernte. Sie besucht mich oft am Wochenende.
Lohnt sich die Arbeit als Schäfer finanziell überhaupt noch?
Niemand wird reich damit. Doch man kommt über die Runden, wenn man alles selber macht. Allerdings muss ich für das Scheren der Schafe jemanden anstellen. Wegen meines kaputten Rückens kann ich diese Arbeit nicht mehr selber machen.
Woher kommen denn Ihre Rückenprobleme?
Ich hatte einen Bandscheibenvorfall. Vermutlich passierte das, als ich ein Schaf aufheben wollte, um es zu scheren oder um ihm die Klauen zu schneiden. Das ist anstrengend, denn die Tiere zappeln dabei.
Gehört auch die Pflege der kranken Tiere zu Ihren Aufgaben?
Ja. In einer Herde hat es immer Tiere, die krank sind. Einige haben Verdauungsstörungen, andere Probleme mit den Klauen. Ich behandle die Tiere meistens selbst. Denn wenn der Tierarzt kommt, kostet das immer mindestens 150 Franken - gleich viel, wie wenn das Tier geschlachtet wird.
Rolf Beutler
Der 46-Jährige arbeitet seit 27 Jahren als Schäfer. Schon als Kind wollte er Hirt werden. Im Winter zieht er mit rund 400 Tieren durch das Zürcher Oberland und das Gebiet links vom Zürichsee. Die Hälfte der Herde gehört Beutler. Im Sommer lebt er mit den Schafen auf einer Alp im Bündner Val Madris. Deshalb ist er nur in der Zwischensaison auf seinem Hof in Schwellbrunn AR, den er mit Ehefrau Regula führt. Das Paar hat eine 19-jährige Tochter.
18. Januar 2006 | Andreas Gossweiler
