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Artikel | saldo 2/2006

Bezahltes Pillenschlucken

Geld verdienen im Dienst der Pharmaindustrie: Wer als Testperson neue Pillen schluckt, wird gut entlöhnt. Gefahr bestehe dabei kaum, sagen selbst Kritiker.

Wenn Sie auf dem Beipackzettel eines Medikaments lesen, dass Sie Ihre Tabletten zweimal pro Tag und jeweils vor dem Essen einnehmen sollen, dann stammt diese Erkenntnis aus unseren Studien», sagt Rolf Pokorny, Chef der Klinik Swiss Pharma Contract in Allschwil BL. Erst wenn das geklärt ist, wird ein Arzneimittel zum Verkauf zugelassen und spült Geld in die Kassen des Herstellers.

Deshalb sucht Pokornys Institut mit Inseraten in der Tagespresse nach gesunden Frauen und Männern jeden Alters, die die Pillen einnehmen und sich anschliessend untersuchen lassen. Die Probanden werden dafür gut bezahlt: Wer für eine Studie beispielsweise drei Tage in der Klinik bleibt, bekommt 1100 Franken.


«Strenge Kontrollen, minimales Risiko für Versuchspersonen»

Mit steigendem Zeitaufwand erhöht sich die Entschädigung auf fast 5000 Franken. Derzeit sucht das Institut Probanden für 16 verschiedene Studien. An jeder Untersuchung nehmen 10 bis 50 Personen teil.

Gerade für Studenten, Arbeitslose oder Menschen, die ihre Urlaubskasse füllen möchten, klingen solche Angebote verlockend. Aber: Ist dieses Pillenschlucken gefährlich? «Nein», sagt Renato Galeazzi, Mitglied der Ethikkommission des Kantons Zürich. «Mir ist kein einziger Fall eines Probanden bekannt, der durch die Teilnahme an einer Medikamentenstudie Schäden erlitten hätte.» Jede Untersuchung an Menschen müsse von einem kantonalen Aufsichtsorgan, also der Ethikkommission, bewilligt werden. «Üblicherweise wird nur dann grünes Licht erteilt, wenn alle Kommissionsmitglieder einverstanden sind», so Galeazzi. Ebenfalls keine Bedenken an solchen Studien teilzunehmen hat der pharmakritische Arzt Etzel Gysling: «Die Kontrollen sind wirklich streng und das Risiko für die Versuchspersonen ist minimal.»


Ausstieg aus einer Studie ist jederzeit möglich

Wer sich für eine Studie zur Verfügung stellen will, pickt sich am besten eine heraus, die den Körper möglichst wenig belastet. Zudem ist es wichtig, die eigenen Rechte zu kennen: Jeder Proband muss schriftlich und in verständlicher Sprache darüber informiert werden, was er in welcher Dosis zu sich nehmen soll. Wer unsicher ist, ob ihm das bekommt, sollte seinen Hausarzt konsultieren. Und: Probanden dürfen jederzeit und ohne Angabe von Gründen aus einer Studie aussteigen. Allerdings wird die Entschädigung dann nur pro rata ausbezahlt.

Übrigens: Wer an einer Doppelblindstudie mit Placebo (Scheinwirkstoff) teilnimmt, hat gute Chancen, sein Geld mit dem Schlucken von Zuckerbonbons zu verdienen.



Medikamente: Diese Studien belasten am wenigsten

Tests, die mit einem frei verkäuflichen Wirkstoff durchgeführt werden. Solche Stoffe gelten als besonders nebenwirkungsarm. Deshalb können sie auch von Laien in Apotheken und Drogerien gekauft werden. Versuche mit einem Generikum. Das ist die Kopie eines Originalpräparats mit einem Wirkstoff, der bereits zugelassen ist. Getestet wird in der Regel nur, ob das neue Medikament trotz anderer Hilfsstoffe gleich gut vom Körper aufgenommen wird wie das Originalpräparat. Versuche mit neuen Darreichungsformen eines schon zugelassenen Wirkstoffs. Wenn also zum Beispiel ein Medikament statt als Kapsel als Zäpfchen verabreicht wird. Auch hier muss die Wirksamkeit überprüft werden. Tests mit einer sehr niedrigen Wirkstoffmenge. Das ist bei Studien der Phase 1 der Fall, also dann, wenn ein Arzneimittel zum ersten Mal an Menschen getestet wird.

01. Februar 2006 | Franco Tonozzi


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