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Immer mehr Kinder sind fettleibig. Eine Mitschuld daran trage die Werbung, sagen Fachleute. Sie fordern deshalb ein Verbot für Junk-Food-Spots, die auf Kinder ausgerichtet sind.
Achtung, höchste Gefahr! Gebannt schauen die Kinder auf den Fernsehbildschirm: Mitten in einer Eisenbahnbrücke klafft ein Loch. Menschen schreien. Der nahende Zug droht abzustürzen. Da kommt der Superheld geflogen. Er hängt sich zwischen die kaputten Schienen und der Zug gleitet über seinen Rücken hinweg. Die Leute jubeln und der Retter stärkt sich mit einem Snickers.
Dieser Werbespot für den kalorienreichen Schokoriegel läuft mitten im Kinderprogramm von Schweizer Fernsehen SF1. Eben noch haben die Kleinen einen Zeichentrickfilm geschaut. Und es ist Zvieri-Zeit. Der Gesundheitstipp hat mitgezählt: Innerhalb einer Stunde bombardiert das Schweizer Fernsehen die Kinder mit sechs Werbespots für fette und zuckerreiche Nahrungsmittel: Neben Snickers sind es Coca-Cola, das Schokoladengetränk Choco latte und der Riegel Mars delight.
Jedes vierte Kind in der Schweiz ist zu dick
Noch mehr bei den privaten Sendern wie Super RTL: Dort flimmern pro Stunde bis zu zehn solcher fetter Spots für Schokopudding, Chips & Co über den Bildschirm. Für gesunde Lebensmittel gibt es in dieser Werbeflut keinen Platz. Das kritisieren auch Kinderärzte: «Im Kinderprogramm läuft praktisch nur Werbung für Junk Food», sagt Josef Laimbacher, Leitender Arzt am Ostschweizer Kinderspital St. Gallen. Und Medienpädagoge Arnold Fröhlich von der Pädagogischen Hochschule in Luzern kritisiert: «Die Trickfilme auf den privaten Sendern dienen nur dazu, möglichst viele Kinder als Publikum für die Werbung anzulocken.»
Jetzt schlagen Fachleute Alarm. Die zwanzig europäischen Herzstiftungen fordern geschlossen, dass man an Kinder gerichtete Fernsehwerbung für ungesunde Lebensmittel verbietet. Denn die Kinder werden immer dicker. In der Schweiz hat bereits jedes vierte Kind Übergewicht. Die verheerenden Folgen: Diabetes, kaputte Gelenke und Herz-Krankheiten. Studien haben nachgewiesen, dass die Werbung das Übergewicht bei Kindern fördert.
Der Druck auf die Junk-Food-Industrie steigt. EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou hat den Herstellern ein Ultimatum gestellt: Wenn sie nicht innerhalb eines Jahres auf Kinderwerbung verzichten, werde diese per Gesetz verboten.
In Schweden, Norwegen und Kanada sind Spots verboten
Ein solches Verbot ist in Schweden, Norwegen und Kanada bereits in Kraft. Auch in der Schweiz sind Fachleute für ein Verbot von Kinderwerbung - zum Beispiel Bruno Knöpfli, Chefarzt der Alpinen Kinderklinik Davos. «Die Hersteller versprechen in der Werbung Glückseligkeit», sagt Knöpfli. Doch sie würden bloss zum Essen von ungesunder Nahrung animieren. «Die Hersteller verbreiten so öffentlich falsche Tatsachen und missbrauchen gegenüber Kindern ihre Machtposition.»
Snickers-Hersteller Masterfoods bestreitet die Vorwürfe: «Wir platzieren keine speziell auf Kinder zugeschnittene Werbung, welche sie zum Kauf unserer Produkte animiert oder Druck auf die Eltern aufbaut.» Die Zielgruppe seien klar die 15- bis 34-Jährigen. Auch Inhalt und Zeitpunkt der Werbespots würden entsprechend ausgerichtet, so Masterfoods.
Doch die Werbung benutzt Motive, die Kinder besonders anziehen: Zeichentrickfiguren, Spiel, Spass, Abenteuer, Witz, Magie und Fantasie. So zum Beispiel wirbt Kellogg's für die zuckergetränkten Frühstücksflocken Frosties mit einem Zeichentrick-Tiger. Beim Nesquik-Schoggimüesli von Nestlé ist es ein Hase, der zusammen mit Kindern Abenteuer zu bestehen hat.
Behörden wollen Firmen nicht einschränken
Und damit hat die Nahrungsmittelindustrie Erfolg. Denn: «Viele Kinder bestimmen heute weitgehend, was die Eltern kaufen», ist Arzt Laimbacher überzeugt.
Für ihn ist das Werbeverbot für Junk Food jedoch nur eine Massnahme unter anderen. «Man sollte zum Beispiel auch besonders kalorienreiche Lebensmittel speziell kennzeichnen», schlägt er vor. Oder Softdrink-Automaten an Schulen verbieten. «Die Politik - und vor allem das Bundesamt für Gesundheit (BAG) - ist jetzt gefordert, auf breiter Front Massnahmen gegen das Übergewicht bei Kindern zu ergreifen.»
Die Behörde lässt das kalt. Sie hätte «keine Absicht, Massnahmen zur Einschränkung von Lebensmittel-Werbung zu treffen», sagt Sabina Helfer, Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit. Das BAG vertraut der Junk-Food-Industrie voll und ganz: «Wir sind zuversichtlich, dass die Lebensmittelbranche ihre Verantwortung wahrnimmt und darauf achtet, dass ihre Werbung das Ess- und Trinkverhalten der Konsumenten nicht negativ beeinflusst.»
Auch für die Firma Publisuisse, welche die Werbezeit fürs Schweizer Fernsehen vermarktet, kommt ein Werbeverbot nicht in Frage: «Wir sind strikt dagegen.» Denn die Firmen hätten ein Recht auf «Informationsfreiheit».
«Die Hersteller missbrauchen ihre Machtposition gegenüber Kindern»
Bruno Knöpfli, Chefarzt der Alpinen Kinderklinik Davos
15. März 2006 | Sonja Marti
