|
(0) |
Delfintherapie-Zentren schiessen wie Pilze aus dem Boden. Die Therapie ist extrem teuer, der Nutzen langfristig umstritten.
Täglich lernte unsere Tochter Merit besser», berichtet Daniela Thürlemann. «Merit musste mit dem Del?n kommunizieren oder liess sich von ihm durchs Wasser ziehen. Am Ende der Therapie schlief sie jeweils glücklich und erschöpft ein.» Merit ist zehn Jahre alt und stark behindert. Sie leidet am Down-Syndrom, an Epilepsie und autistischen Störungen. Zwei Wochen verbrachte die Familie aus Speicher AR mit ihrer Tochter in Kuba bei den Del?nen. Das Fazit der Mutter: «Merit hat durch die Del?ne wieder vermehrt zu uns gefunden.»
Zweiwöchige Therapiereise kostet schnell 20 000 Franken
Dutzende Schweizer Familien reisen jedes Jahr mit ihren behinderten Kindern zu den Del?nen. Sie sollen Autismus, Epilepsie und andere schwere Krankheiten therapieren - in Florida, Kuba, Ägypten oder Israel. Neuerdings boomen Del?n-Zentren auch in Europa, so in Spanien, in der Türkei oder der Ukraine. Vor wenigen Wochen kündigte auch der Nürnberger Zoo an, Kinder mit Del?nen zu therapieren. Und auf der Insel Rügen planen Investoren ein neues Zentrum.
Kein Wunder: Mit Del?nen und kranken Kindern ist viel Geld zu verdienen. Eine Woche Therapie kostet zwischen 3000 und 5000 Franken. Dazu kommen Reise- und Aufenthaltskosten. Eine Familie ist rasch bei 20 000 Franken für eine zweiwöchige Therapiereise nach Übersee. Doch jetzt melden sich die Kritiker. Silvia Frey von der Umweltorganisation Oceancare: «Das ist eine riesige Geschäftemacherei.» Der Würzburger Del?ntherapie-Forscher Erwin Breitenbach spricht von «Abzockerei».
«Delfine können motivieren, aber nicht heilen»
Die Krankenkassen bezahlen nichts. Betroffene sind auf Spenden angewiesen. So verkauft die Vereinigung Del?n-Therapie für behinderte Kinder selbst gebastelte Sachen an Weihnachtsmärkten. Auch Familie Thürlemann konnte auf Sammelaktionen zählen.
Die Kosten stehen in krassem Widerspruch zum medizinischen Nutzen: Es gibt kaum eine Studie, die belegt, dass die Del?ntherapie langfristig besser sein soll als andere Therapieformen. Viele Erfolgsmeldungen beruhen auf Berichten von Eltern. Kurzfristig kann die Therapie helfen, das ist unbestritten.Viele Forscher und Betroffene vermuten allerdings, dass auch das warme Wasser und die Ferienstimmung helfen. Erwin Breitenbach: «Ein Del?n ist zwar attraktiv für die Patienten und kann ein grosser Motivator sein für ein Kind zu lernen. Doch ein Del?n kann nicht heilen.»
Diese Unsicherheit schlägt sich in der Praxis nieder. Die Zentren bieten völlig unterschiedliche Therapien an. In Florida dürfen Kinder erst dann zu den Del?nen ins Wasser, wenn sie vorher eine Aufgabe gelöst haben. Das ist für Breitenbach eine sinnvolle Art, Del?ne einzusetzen: «Auf diese Weise sind Kinder enorm motiviert, zu lernen und sich weiterzuentwickeln.»
Doch es gibt auch andere Beispiele. So behaupten gewisse Forscher und Delfinzentren noch immer, dass das Echolot der Del?ne den Kindern im Wasser gut tue. Doch eine Studie kam kürzlich zum Schluss, dass dies nicht möglich ist. Breitenbach: «Das ist ein absoluter Irrweg. Das Echolot der Del?ne ist viel zu schwach.»
Oft geht es auch um blosses Planschen mit Del?nen. Eltern vertrauen ihre Kinder Schwimmlehrern an, die ungenügend ausgebildet sind. Breitenbach warnt: «Das ist der helle Wahnsinn. Niemand kontrolliert die Qualität der Del?ntherapie.»
Doch es müssen nicht immer Del?ne sein: Auch andere Tiere wie Pferde oder Hunde können Gutes bewirken. Del?ntherapie-Kritikerin Frey: «Alle Tiere können Eisbrecher sein, damit Eltern einfacher den Zugang zu ihren behinderten Kindern ?nden.» Beim Del?n gehe es um einen Mythos: «Viele Menschen schreiben ihm übersinnliche Kräfte zu.»
Patienten-Organisationen distanzieren sich
Therapien mit Pferden und Heimtieren gibt es auch in der Schweiz (siehe Tabelle). Sie sind oft nachhaltiger, weil Kinder über längere Zeit daran teilnehmen können. Zudem kosten sie einen Bruchteil der Del?ntherapie. Oft bezahlen Krankenkassen zumindest einen Teil.
Kein Wunder, distanzieren sich Fachleute von der Del?ntherapie: Die Vereinigung Eltern Epilepsie-kranker Kinder emp?ehlt sie nicht. Auch Autismus Schweiz, Dachorganisation der Elternvereine für autistische Kinder, ist zurückhaltend. Sprecher Alain Bevilacqua: «Del?ntherapie kann keine Fördermethode für Autismus-Betroffene ersetzen.»
Die heute 19-jährige Anja Habegger leidet seit Geburt an Autismus. Sie und ihre Mutter Vera haben sich gegen eine Del?ntherapie entschieden. Auch Vera Habegger ?ndet: «Die Therapie ist unverhältnismässig teuer. Zudem gehören Del?ne in die Freiheit.» Vera Habegger ermöglichte ihrer Tochter früh den Kontakt mit Tieren. Zuerst mit Hunden, später mit dem eigenen Pferd. Damit hatte die Mutter Erfolg: «Nach dem Reiten ist meine Tochter viel gelöster.»
06. Dezember 2006 | Tobias Frey
