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Artikel | Gesundheits-Tipp 2/2007

“Ich war nicht besonders fromm” - Schwester Margrit, 62

Diakonissen verzichten auf Geld und Männer. Immer weniger Frauen wollen mitmachen. Geht es so weiter, gibt es sie bald nicht mehr.

Schwester Margrit, als Diakonisse bekommen Sie nur ein Taschengeld, während Topmanager Millionen verdienen. Sind Sie neidisch?
Nein. Ich wollte nie viel Geld haben. Meine Schwester lebt in Singapur. Sie hat mich zu Luxusferien eingeladen. Das war lustig, aber mir gefällt mein Lebensstil besser.

Wollen Sie mit Ihrem bescheidenen Leben ein Zeichen setzen gegen den herrschenden Egoismus?
Wir Diakonissen sind auch ohne viel Geld glücklich. Und wir wollen solidarisch sein mit den Armen der Welt. Überschüssiges Geld verschenken wir. Verglichen mit armen Menschen leben wir jedoch sehr gut.

Aber Sie erhalten keinen üppigen Monatslohn.
Wir haben eine gemeinsame Kasse. Daraus bezahlen wir alle notwendigen Ausgaben. Das hat auch Vorteile: Ich muss mich nie sorgen wegen einer Zahnarztrechnung. Und unsere ältesten Schwestern werden bis zuletzt gut betreut und gepflegt.

Wollten Sie schon in Ihrer Jugend Diakonisse werden?
Nein. Mein Traumberuf war Stewardess. Ich habe aber nie als Stewardess gearbeitet, denn ich hatte im Ausland immer Heimweh. Ich wurde Krankenschwester. Damals konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, Diakonisse zu werden.

Warum nicht?
Ich war nicht besonders fromm. Ich war schon als Kind eine Rebellin. Einige Lehrer ertrugen mich schlecht, weil ich zu wild für sie war. Ich machte als einziges Mädchen bei Strassenschlachten im Quartier mit.

Warum wurden Sie trotzdem Diakonisse?
Ich sehnte mich danach, meinem Leben mehr Sinn zu geben und meinen Glauben an Jesus Christus möglichst konkret zu leben. Nachdem ich mich bei den Neumünster-Diakonissen beworben hatte, spürte ich eine tiefe Befriedigung. Ich wusste aber auch, dass es auf diesem Weg einige Stolpersteine geben würde.

Was für Stolpersteine?
Es ?el mir schwer, mich mit 38 Jahren in eine Gemeinschaft einzuordnen. Vieles, das ich vorher selbst entschieden hatte, musste ich von da an mit der Oberin besprechen. Ich war zum Beispiel nicht mehr glücklich mit der Arbeit im Spital. Also fragte ich die Leiterin: Gibt es für mich eine andere Aufgabe? Ich wurde dann Pflegerin meiner Mitschwestern.

Sie dürfen keine Beziehungen zu Männern haben. Vermissen Sie das nicht?
Als ich jünger war, hätte ich vielleicht geheiratet, wenn der richtige Mann gekommen wäre. Das Leben in einer Ehe hat aber auch seine Schattenseiten. In unserem Gästehaus leben auch Frauen, die von ihrem Mann geschlagen wurden.

Tragen alle Neumünster-Diakonissen die typische graue Tracht?
Nein. Die meisten Schwestern wollen sie nicht mehr anziehen. Ich habe meine Tracht aber sehr gerne. Wenn andere Menschen sie sehen, wird ihnen bewusst, dass man auch zufrieden leben kann ohne Einfamilienhaus und ohne teures Auto.

Macht es Ihnen Sorgen, dass die Diakonissen kaum mehr neue Mitglieder finden?
Ich hätte gern mehr jüngere Frauen. Aber wir wollen nicht unsere Werte - das solidarische Leben in der Gemeinschaft - über Bord werfen, um für junge Frauen attraktiver zu werden. Ich bin aber zuversichtlich: Zurzeit leben zwei Novizinnen bei uns, die heraus?nden möchten, ob das Leben als Diakonisse etwas für sie wäre.



Schwester Margrit

Mit 38 Jahren entschloss sich Schwester Margrit, Diakonisse zu werden. Jahrelang arbeitete sie als Krankenschwester und Ausbildnerin im Spital des Diakoniewerks Neumünster in Zollikerberg ZH. Heute ist sie die Oberin von 90 Diakonissen. Die meisten davon leben im Ruhestand.

21. Februar 2007 | Andreas Gossweiler


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