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Artikel | Gesundheits-Tipp 3/2007

«Die Hörberaterin nahm mich nicht ernst»

Jedes Jahr landen Tausende Hörgeräte in der Schublade statt im Ohr, weil sie Probleme schaffen. Der Grund ist meist eine schlechte Kundenberatung.

«Die Hörberaterin nahm mich nicht ernst»

Sein Leben lang arbeitete Armando Cozza aus Adligenswil LU als Fabrikationsleiter in der Firma Schindler. Sein Büro stand mitten in einer Werkhalle mit 37 Blechbearbeitungs-Maschinen. «Die machten einen Höllenkrach», erinnert er sich.

Nach der Frühpensionierung mit 62 merkte er, dass sein Gehör gelitten hatte: Immer häufiger musste er am Telefon nachfragen. Als Cozza wegen Nasenproblemen zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt ging, sagte ihm dieser, was er schon befürchtet hatte: «Sie brauchen auf beiden Ohren ein Hörgerät.»

Wenige Tage später fiel dem Frührentner in der Zeitung ein Inserat des Hörgeräte-Ladens Beltone in Luzern auf. Unter dem Titel «revolutionäres Hörgerät» zeigte es ein sogenanntes Im-Ohr-Gerät. Man trägt es vollständig im Gehörgang. Deshalb ist es weniger gut sichtbar als ein klassisches Hörgerät hinter dem Ohr.

Voller Erwartung ging Cozza zu Beltone. Doch die Akustikerin nahm sich kaum Zeit für eine Beratung: «Sie zeigte mir fünf Im-Ohr-Hörgeräte und nannte mir deren Preis.» Der damals 65-Jährige konnte aber mit der Auswahl nichts anfangen: «Sie sagte einfach, das teuerste sei das beste.»


«Ohne Hörgerät verstand ich den Pfarrer plötzlich wieder»

Armando Cozza nahm zwei verschiedene Geräte mit, um sie im Alltag auszuprobieren. Doch bei beiden Modellen wurde das Tragen zur Qual: Dauernd hatte er verstopfte Ohren und einen trockenen Hals.

Auch hörte er mit den Geräten nicht besser. Im Gegenteil: «Wenn ein Lastwagen vorbeifuhr, machte es einen Krach, als würde ein Haus neben mir zusammenbrechen. In der Kirche oder im Theater verstand ich dagegen kein Wort.» Einmal habe er in der Kirche das Hörgerät entnervt aus dem Ohr genommen: «Und plötzlich verstand ich den Pfarrer wieder.»

Immer wieder sagte Cozza bei Beltone, dass er mit dem Hörgerät nicht zurechtkomme. «Doch man nahm mich überhaupt nicht ernst.» Zwar schlug man ihm vor, nur ein Gerät statt beide zu benützen. «Doch das machte das Problem noch schlimmer. Da hiess es, ich müsse mich halt daran gewöhnen.»

Cozza glaubte der Beraterin und kaufte das teuerste Modell. Kostenpunkt: 6700 Franken. Einen Teil übernahm die Suva, doch rund 2500 Franken musste er aus der eigenen Tasche hinblättern.
Erst im Nachhinein wurde Cozza klar: Beltone hat ihm das falsche Hörgerät verkauft. Die Augen geöffnet hatte ihm eine Untersuchung bei Thomas Linder, Chefarzt an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Kantonsspitals Luzern. Linder stellte fest: Cozzas Gehörgang ist enger als normal. Deshalb sei es nicht einfach, das passende Hörgerät zu finden: «Sein Gerät ist jedenfalls ungeeignet, da es die Ohren zu sehr verstopft», so der Arzt.


Bei verengtem Gehörgang: Klassisches Gerät probieren

Thomas Schmidhauser, Zentralsekretär von Pro Audito Schweiz, teilt die Kritik. Die Organisation setzt sich für Menschen mit Hörproblemen ein und bietet auch eine Beratung an. Für Schmidhauser ist es unverständlich, dass Beltone Armando Cozza nur Im-Ohr-Geräte anbot: «Bei einem verengten Gehörgang muss man unbedingt auch ein klassisches Gerät ausprobieren.»

Cozza bereut heute, dass er sich zum Kauf der Hörgeräte überreden liess: Seit drei Jahren trägt er sie nicht mehr. «Wenn die Geräte die Ohren verstopfen, funktioniert der Druckausgleich nicht mehr, und ich bekomme sofort einen trockenen Hals.» Menschen in der Nähe versteht er auch ohne Hörgeräte gut genug, und zum Fernsehen benutzt er einen Kopfhörer: «Der hat nur 25 Franken gekostet, hilft mir aber viel besser als das teure Hörgerät.»

Cozzas Urteil über die Firma Beltone: «Die wollten nur Geld verdienen, der Rest war ihnen egal. Deshalb war die Beratung so schlecht.»

Beltone weist diesen Vorwurf zurück. «Herr Cozzas Beraterin ist eine der erfahrensten und angesehensten Akustikerinnen auf dem Hörgerätemarkt», sagt Beltone-Geschäftsführer Dieter Günter. Sie habe ihm bei der ersten Beratung ein Gerät, das man hinter dem Ohr trägt, gezeigt, doch er habe davon nichts wissen wollen.

Dass der Kunde über einen trockenen Hals geklagt habe, sei ihm nicht bekannt, sagt Günter. Wegen der verstopften Ohren habe man die Hörgeräte eingeschickt und ein grösseres Lüftungsloch bohren lassen. «Danach war Herr Cozza grundsätzlich mit dem Hörgerät zufrieden. Auch der Bericht des Ohrenarztes an die Suva bestätigt dies.» Nur weil Cozza jetzt einen durch Verwachsungen verengten Gehörgang habe, bedeute dies nicht, dass das Problem schon vor vier Jahren bestanden habe, als man ihm das Hörgerät anpasste.

Wie Armando Cozza geht es jährlich Tausenden in der Schweiz: Laut Thomas Schmidhauser kauft jeder sechste Kunde ein falsches Gerät, weil er falsch beraten wurde: «Es gibt unter den Hörgeräte-Akustikern schwarze Schafe, die vor allem gut verdienen wollen.»

Der Grund: Im Preis des Hörgeräts ist die Beratung inbegriffen. Für die Konsumenten ist dies ein zweischneidiges Schwert. Sie müssen zusätzliche Termine zwar nicht zahlen. «Aber für manche Akustiker ist dies ein Anreiz, Kunden möglichst rasch wieder loszuwerden», so Schmidhauser.



Testen Sie mehrere Geräte im Alltag

Eine seriöse Beratung ist bei Hörgeräten das A und O. So finden Sie das richtige Hörgerät:

- Lassen Sie sich von mehreren Hörgeräte-Akustikern eine Offerte machen. Offerten sind kostenlos.
- Eine gute Offerte enthält mindestens drei verschiedene Vorschläge.
- Das Anpassen braucht Zeit und mehrere Besuche beim Akustiker. Dadurch entstehen Ihnen keine Mehrkosten.
- Testen Sie mehrere Hörgeräte in unterschiedlichen Alltagssituationen.
- Bleiben Sie hartnäckig. Nicht der Akustiker entscheidet, wann das Hörgerät optimal eingestellt ist, sondern Sie.
- Das teuerste Hörgerät ist nicht unbedingt das beste für Sie.
- Kostenlose Beratung für Menschen mit Hörproblemen: Pro Audito Schweiz, Feldeggstrasse 69, 8032 Zürich, Tel. 044 363 12 00, info@pro-audito.ch.



Diese Hörgeräte-Typen gibt es - und das bezahlen die Versicherungen

- Klassisches Hörgerät
Trägt man hinter dem Ohr (HdO-Gerät). Ein Schlauch führt den Schall in ein - nach Mass angefertigtes - Ohrstück. HdO-Geräte können bei fast allen Hörschäden zum Einsatz kommen.

Nachteil: Der Träger hört den Körperschall (eigene Stimme, Kau- und Schluckgeräusche) relativ laut.

- Offene Versorgung
Diese Geräte trägt man ebenfalls hinter dem Ohr. Sie sind kleiner als HdO-Geräte. Der Gehörgang bleibt weitgehend offen. Das ermöglicht ein angenehmeres Hörgefühl. Bei starken Hörschäden ungeeignet.

- Im-Ohr-Gerät
Die Elektronik ist in eine individuell angepasste Schale eingepasst, die in den Gehörgang eingeführt wird. Die Geräte sind weniger gut sichtbar als HdO-Geräte, setzen aber einen gewissen Durchmesser des Gehörgangs voraus. Sie bieten aber nur eine beschränkte Leistung. Zudem ist der Körperschall laut.

Das zahlt die Versicherung
Patienten im Rentenalter müssen sich bei der AHV anmelden, jüngere bei der IV, der Unfall- oder der Militärversicherung. Die AHV zahlt maximal drei Viertel der Kosten, aber nur für ein Hörgerät. Die anderen Versicherungen übernehmen die Gesamtsumme, falls nötig auch für zwei Hörgeräte.

Aber: Es gibt Höchstbeträge, je nach Schwere des Hörschadens. Wer ein besseres Hörgerät will, muss die Differenz selber zahlen.



Tragen Sie ein Hörgerät oder sind Sie gerade dabei, sich eines anpassen zu lassen? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen!

Schreiben Sie uns Ihre Meinung: Redaktion Gesundheitstipp, «Hörgerät»
Postfach 277, 8024 Zürich oder redaktion@gesundheitstipp.ch

21. März 2007 | Christian Egg


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