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Der Artikel über Medikamentensucht im Aprilheft hat starke Reaktionen ausgelöst. Jetzt berichten weitere Leserinnen, wie sie süchtig wurden.
«Mein Körper ist vom Morphin gezeichnet»
Irene Pilla, 50, Berikon AG
Ich bin seit fast vier Jahren von Morphin-Pflastern abhängig. Ich bekam sie, weil ich an Fibromyalgie leide, einer chronischen Schmerzkrankheit. Anfangs half das Pflaster gegen die Schmerzen. Doch dann kamen sie wieder, obwohl ich die Dosis des Medikaments unterdessen verdreifacht habe - und es öfter nehme.
Das Pflaster sollte 72 Stunden lang wirken. Aber ich bin so abhängig, dass ich bereits nach der Hälfte der Zeit höllische Entzugserscheinungen bekomme. Ich liege zitternd und frierend im Bett, wie eine Drogenabhängige auf Entzug. Und bis ein neues Pflaster wirkt, vergehen qualvolle Stunden.
Mein Körper ist vom Morphin gezeichnet, ich wiege kaum noch 45 Kilo. Ich habe keine Freude mehr am Leben. Wäre ich nicht für meine beiden Kinder verantwortlich, ich wäre wohl nicht mehr da.
«Mit neun bekam ich das erste Valium»
Doris Aegerter, 52, Bern
Als Kind hatte ich Migräne und war hyperaktiv. Die Ärztin gab mir Schmerzmittel und Valium - ich war neun Jahre alt.
Ich konnte nicht Kind sein, sondern pflegte meine Adoptivmutter, die schwer nierenkrank war. Ihr Medikamentenschrank war für mich ein Selbstbedienungsladen: Ich schluckte Schlaf- und Schmerzmittel.
Das alles hatte Folgen. Ich wurde zur Schlägerin: Wenn mir jemand blöd kam, schlug ich zu. Mit 19 begann ich zu trinken, dann Drogen zu nehmen: Heroin, Kokain, LSD - ich habe alles ausprobiert.
Mit 34 schaffte ich endlich den Entzug - bisher ohne Rückfall. Es hat aber Jahre gedauert, bis ich von der Gesellschaft akzeptiert wurde. Jahrelang wurde ich gemobbt. Ich war immer nur die «Drögelerin».
«Lieber jeden Abend eine halbe Tablette»
Lisa Castiglioni, 65, Luino (Italien)
Seit 30 Jahren nehme ich Schlafmittel. Ich habe sonst Mühe mit Einschlafen, weil mir zu viel durch den Kopf geht. Jeden Abend nehme ich eine halbe Tablette - Dormicum oder Stilnox. Das ist mir lieber als die ganze Nacht wach zu liegen und anderntags hundemüde zu sein.
Ich habe mit meinem Hausarzt über die Schlafmittel gesprochen. Er ist der gleichen Meinung.
«Mein Mann merkte bis zum Schluss nichts»
Esther Kamber, 51, Oberdorf NW
Ich war fast zehn Jahre alkoholabhängig, dann machte ich einen Entzug. Nach sechs Jahren Abstinenz begann ich, Resyl Plus in den Tee zu tröpfeln. Die Hustentropfen enthalten Codein und Alkohol. Bald brauchte ich zwei bis drei Fläschchen pro Tag. Das Resyl Plus beruhigte mich. Ich nehme ja gar nicht so viel Alkohol, log mir selber vor. Fünf Jahre lang war ich süchtig. Mein Mann merkte nichts.
Dann bekam ich Depressionen und erhielt Antidepressiva. Obwohl ich wusste, dass man die Medikamente nicht mit Alkohol mischen darf, nahm ich eines Abends wieder Resyl Plus. Ich wurde plötzlich unglaublich müde.
Als ich im Spital aufwachte, weinte ich nur noch und schämte mich in Grund und Boden. Gleichzeitig hatte ich auf alle eine riesige Wut, auch auf meinen Mann.
Erst nach einem Monat beruhigte ich mich. Die Ärzte empfahlen einen Entzug im Therapiezentrum Meggen. 14 Wochen war ich dort. Seit Ostern bin ich jetzt wieder zu Hause, und es geht mir gut.
13. Juni 2007 | Aufgezeichnet von Christian Egg
