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Artikel | Gesundheits-Tipp 12/2007

M.W., 55: « Hier drin gibts keine Feier»

Seit 20 Jahren lebt M. W. in der Strafanstalt Pöschwies Regensdorf ZH. Auch an diesem Heiligabend schliessen die Zellentüren bereits um 16.45 Uhr.


Herr W., haben Sie sich mit dem Leben hinter Gittern abgefunden?
Nein. Ich habe nie einen Insassen kennen gelernt, der sich mit dem Leben im Gefängnis abfindet.


Was macht Ihnen im Gefängnis am meisten zu schaffen?
Alles ist genau geregelt – ein bisschen wie im Militär. Daran habe ich mich schnell gewöhnt, denn ich wuchs in Heimen auf. Seit ich so krank bin, macht mir das Leben im Gefängnis mehr Mühe. Denn ich weiss nicht, ob ich lebendig hinauskomme. Mein Gesundheitszustand verschlechtert sich immer schneller.


Woran leiden Sie?

Ich habe die unheilbare Lungenkrankheit COPD. Früher arbeitete ich als Maler. Bleihaltige Farben haben meine Lunge geschädigt – und auch das Rauchen.


Haben Sie Schmerzen?
Ja, ich habe starke Schmerzen in den Bronchien. Und ich gerate bei der kleinsten Anstrengung in Atemnot. Schon beim Anziehen muss ich eine Pause machen. Sonst kriege ich zu wenig Luft. Das macht mir Angst. Ärzte haben mir empfohlen, zweimal jährlich eine Kur zu machen.


Erhielten Sie die Erlaubnis?
Ich war zweimal in einer Reha0Klinik – einmal fünf, einmal vier Wochen. Weil die Justiz meine Gesuche schleppend behandelt, kann ich aber nur einmal pro Jahr kuren.


Arbeiten Sie im Gefängnis?

Bis vor drei Jahren arbeitete ich regelmässig in der Küche. Nun noch zwei Stunden pro Tag, wenn es mein Gesundheitszustand erlaubt.


Womit beschäftigen Sie sich?
Ich höre in der Zelle Musik, mache Computerspiele oder ruhe mich aus. Am Vormittag gehe ich in die Physiotherapie.


Wann werden Sie aus der Strafanstalt entlassen?
Meine Verwahrung wird zurzeit gerichtlich überprüft. Doch ich habe das Vertrauen in die Justizbehörden verloren. Sie geben mir keine Chance. Bisher schrieben sie jedes Jahr, die Entlassung wäre verfrüht – obwohl ich mich jahrelang einer Gruppentherapie unterzogen habe.

Was hat Ihnen die Gruppentherapie gebracht?
Ich habe mich von einer anderen Seite kennen gelernt. Dafür bin ich dankbar. Doch das ist nicht das alleinige Verdienst der Therapie. Auch die langjährige Beziehung zu meiner Partnerin hat mir die Augen für ein anderes Leben geöffnet. Sie gibt mir viel Kraft.

Seit wann kennen Sie denn Ihre Freundin?
Seit 16 Jahren. Mein grösster Wunsch ist es, mit ihr ein paar Jahre in Freiheit zusammenzuleben.

Wie oft sehen Sie Ihre Partnerin?
Einmal pro Monat habe ich zwölf Stunden Urlaub. Ich verbringe ihn immer mit ihr. Sie besucht mich auch jede Woche zwei Stunden.


Feiern Sie zu zweit Weihnachten?
Nein. Sie hat Kinder und Enkel, und die wollen abends Weihnachten feiern. Ich muss aber an jedem Urlaubstag um 21 Uhr zurück im Gefängnis sein. Das tut mir weh. Ich wünsche mir, dass ich einmal 28 Stunden Urlaub habe.


Bleiben Sie am Heiligabend in Ihrer Zelle?
Ja. Am Morgen findet in der Strafanstalt ein Gottesdienst statt. Am Abend gibt es keine Feier. Die Zellen werden um 16.45 Uhr geschlossen – wie immer an Feiertagen.


Zur Person: M.W.

Als er sechs Jahre alt war, liessen sich die Eltern von M.W. scheiden. Er wuchs in Heimen in der Ostschweiz auf. 1986 wurde er wegen Gewaltdelikten zu zehneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Strafe verbüsste er in der Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH ab. Seither wird er in der Pöschwies verwahrt.



01. Dezember 2007 | Andreas Gossweiler


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