SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | K-Geld 01/2008

«Die Winterthur hat mich reingelegt»

Übertriebene Überschussprognose, falsche Infos über die Steuerfolgen, mangelhafte Aufklärung: Ein Kunde hat mit einer Leibrente der Axa-Winterthur viel Geld verloren.


Für Brancheninsider ist der Fall klar: Die Angaben in dieser Offerte waren masslos übertrieben und unrealistisch. Dies geben selbst Mitarbeiter der Axa-Winterthur hinter vorgehaltener Hand zu, wie K-Geld weiss.

Die Offerte stammt vom August 2002. Die Winterthur offerierte damals ihrem Kunden Norbert Müller (Name geändert) eine garantierte Leibrente von monatlich 1954 Franken. Hinzu kam ein «voraussichtlicher Überschuss» von 1416 Franken. Oder plus 72 Prozent.

Überschüsse entstehen, wenn die Gesellschaft auf den Kapitalanlagen eine gute Performance erzielt, wenn sie Kosten senken kann und wenn sie für weniger Invaliditätsfälle zahlen muss als prognostiziert.

Ein solch hoher Überschussanteil ist äusserst ungewöhnlich. Bei Leibrenten sind Überschussaufschläge von maximal 30 Prozent üblich. Peter Wieland von der Zürcher Brokerfirma Realprisma AG: «Im damaligen Umfeld war diese hohe Überschussprognose nicht seriös.»

Wurde Kunde Müller mit einem Lockvogelangebot geködert? «Nein», sagt die Axa-Winterthur dazu. Es seien die damals «gültigen Bonussätze» verwendet worden. Und: «In den 25 Jahren zuvor wurden die prognostizierten Überschüsse in der Regel gemäss Offerte bezahlt.»

Inzwischen wissen es die Versicherungskunden aus eigener leidvoller Erfahrung besser: Die Versicherer haben die Überschüsse radikal gekürzt. Überschussprognosen sind heute praktisch wertlos.


Nicht informiert über laufende Kürzungen


Auch Winterthur-Kunde Müller wurde ein Opfer dieses Streichkonzerts. Er hat 2002 eine aufgeschobene Leibrente gekauft, die ihm ab September 2007 monatlich ausbezahlt worden wäre. Doch statt der prognostizierten 1416 Franken hätte er jetzt nur 293 Franken Überschuss erhalten.

«Kürzungen in dieser Grössenordnung sind nicht nachvollziehbar», sagt François Leresche von der Zürcher Brokerfirma Travex. Besonders stossend: Kunde Müller wurde über die laufende Kürzung nicht informiert. Er hat seine Leibrente in fünf jährlichen Tranchen während der Aufschubzeit zwischen 2002 und 2006 überwiesen.

Die Winterthur hat ihn brav einzahlen lassen – ohne jeglichen Hinweis darauf, dass die damalige Prognose inzwischen hinfällig geworden war. «Ich hätte nicht weitergezahlt, wenn ich das gewusst hätte. Die Winterthur hat mich reingelegt», sagt Müller.
Die Axa-Winterthur sagt dazu, ein solcher «Jahresbericht» über die Entwicklung der Überschüsse werde für Leibrenten dieses Jahr eingeführt.

Auch über die Steuerfolgen eines Rückkaufs wurde Winterthur-Kunde Müller nicht respektive falsch informiert. Leibrenten sind in der Regel rückkaufbar.
Das heisst: Wer es sich anders überlegt, kann das eingezahlte Geld zurückverlangen – abzüglich der bereits ausbezahlten Beträge, falls die Versicherung mit der Auszahlung der monatlichen Renten begonnen hat.

Steuerlich sei das kein Problem, erfuhr Müller beim Abschluss immer wieder. Der Agent, der ihn betreute, sagte ihm mehrmals: Er müsse nur die Differenz zwischen den eingezahlten Prämien und der Rückerstattungssumme versteuern, wenn er das Kapital zurückverlange.


Falsche Auskunft und sehr hohe Gebühren


Doch diese Auskunft war falsch. Müller muss 40 Prozent der ganzen Rückkaufssumme versteuern (siehe unten). Das sind zusätzlich rund 60 000 Franken. Der Agent hätte das wissen müssen. Das Bundesgericht hielt diese Steuerberechnung bereits vier Jahre zuvor in einem Urteil fest. Der Agent beteuert gegenüber K-Geld allerdings, es habe «keine spezielle Schulung bezüglich der Steueranpassung gegeben». Die Axa-Winterthur hingegen schreibt, sie habe im Jahr 2000 «ein Rundschreiben an die Leiter der Verkaufsregionen sowie Generalagenten versandt».

Die letzte Enttäuschung über die Winterthur stellte sich ein, als Kunde Müller die Leibrente vorzeitig zurückkaufte – noch bevor die Rentenzahlungen einsetzten. Nachdem er während fünf Jahren insgesamt 650 000 Franken eingezahlt hatte, erhielt er nur 660 012 Franken ausbezahlt. Das entspricht einer mageren Rendite von 0,51 Prozent pro Jahr.

«Die Performance hätte viel besser ausfallen müssen», sagt Peter Wieland von der Zürcher Brokerfirma Realprisma AG. Der Grund für die bescheidene Performance sind die Kosten, welche die Winterthur belastete. Branchenkenner schätzen die Summe auf 30 000 bis 40 000 Franken. Sie wurden von den Prämien des Kunden abgezogen. Müller wurde auch darüber nicht im Voraus informiert.


Leibrente: Diese Steuern werden fällig


Wer eine Leibrente vorzeitig zurückkauft, muss darauf Steuern zahlen. Besteuert werden 40 Prozent der ausbezahlten Summe – und zwar zum sogenannten Rentensatz, aber zusammen mit dem übrigen Einkommen. Die Details dazu stehen in der K-Geld-Ausgabe 6/07. Dies gilt unabhängig davon, ob die Rente vor oder nach Beginn der Rentenzahlungen zurückgekauft wird.

Das Gesagte gilt für die direkte Bundessteuer und für die meisten Kantone. Eine Ausnahme: Der Kanton Thurgau besteuert nur die Differenz zwischen Prämien und ausbezahlter Summe – und das auch nur, wenn es sich um die Rückzahlung einer aufgeschobenen Leibrente noch vor Beginn der Rentenzahlungen handelt.

Davon zu unterscheiden ist die sogenannte Rückgewähr; sie kommt zum Zug, wenn Leibrentenbezüger sterben und die Erben den nicht «verbrauchten» Anteil der Leibrente ausbezahlt erhalten. Die Rückgewähr unterliegt beim Bund und in allen Kantonen – getrennt vom übrigen Einkommen – zu 40 Prozent der Einkommenssteuer.

Überdies sind Leibrenten während der Aufschubphase teils als Vermögen zu versteuern. Die Details dazu stehen in K-Geld 5/07.

03. Februar 2008 | Ernst Meierhofer


Beitrag als PDF
«Die Winterthur hat mich reingelegt»
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Verwandtes Buch
So sind Sie richtig versichert
So sind Sie richtig versichert
Die privaten Versicherungen im Überblick

Detail-Infos
Buchshop
 
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Versicherungen profitieren – auf Kosten der Prämienzahler Corner Bank: Teure und überflüssige Versicherung Kassenwechsel wird erschwert
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten