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Artikel | saldo 03/2008

Gejammer in eigener Sache

Die Zahlungsmoral der Schweizer sei mies, lamentierte die Inkasso-Lobby. Die Medien plapperten es nach. Die Fakten sehen anders aus.


Der Verband Schweizerischer Inkassotreuhandinstitute (VSI) schlug kürzlich an einer Medienkonferenz Alarm: Die Zahlungsmoral der Schweizer sei so schlecht, dass sie negative Auswirkungen auf die Liquidität habe. 7 Prozent der Unternehmen sehen sich gemäss den Inkasso-Profis massiv in ihrer Existenz bedroht. Durchschnittlich seien Rechnungen in der Höhe von 9 Milliarden Franken ausstehend.

Diese Summe sei eine extreme Belastung, vor allem für kleinere Unternehmen, jammerten Geschäftsführer Robert Simmen und SVP-Nationalrat Adrian Amstutz vor den Medien. Was auffällt: Die meisten Tageszeitungen, Radio und Fernsehen übernahmen die Angaben der Inkasso-Lobby ungeprüft und malten den Teufel an die Wand. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar: Die vom Verband aufgetischten Zahlen sind an den Haaren herbeigezogen.

So ist die Summe von 9 Milliarden Franken überfälliger Forderungen bereits im vergangenen Jahr an der Verbands-Medienkonferenz genannt worden. Damals wurde auf den «European Payment Index 2006» des internationalen Branchenriesen Intrum Justitia verwiesen, der die ausstehenden Forderungen in der Schweiz per Ende 2005 auf 9 Milliarden Franken bezifferte.


Die 9 Milliarden stützen sich nur auf Befragungen

Aus der Studie selber geht nicht hervor, wie Intrum Justitia auf diesen Betrag kommt. Nur so viel: Das Inkasso-Unternehmen befragt jährlich in 23 Ländern mehrere tausend Firmen über das Zahlungsverhalten ihrer Kunden, quartalsweise auch in der Schweiz jeweils 4800 Firmen. «Dabei handelt es sich nicht nur um Intrum-Justitia-Kunden», betont Sprecherin Bettina Bickel, «befragt werden auch andere Firmen.» Das zeigt: Die dramatisch tönenden 9 Milliarden Franken stützen sich auf eine reine Befragung und nicht auf tatsächlich erhobene Zahlen ab.

Die exorbitant hohe Summe eignet sich jedoch zur Untermauerung politischer Forderungen: So möchte SVP-Nationalrat Amstutz den gesetzlichen Verzugszins von heute 5 auf 11 Prozent mehr als verdoppeln. Mit dieser Erhöhung möchte er Schaden von den Firmen abwenden, damit diese wegen Zahlungsrückständen nicht in Schwierigkeiten geraten.

Doch sein Argument sticht nicht. Der Inkassoverband selbst behauptet, die Rechnungen würden in der Schweiz im Durchschnitt von Privaten nach 41,4 Tagen und von Firmen nach 44,3 Tagen bezahlt, also 11 bis 14 Tage nach Ablauf der Zahlungsfrist. Diese Angaben stammen ebenfalls von Befragungen durch Intrum Justitia bei Schweizer Firmen.


Mit dem Verzugszins ist der «Schaden» mehr als gedeckt

Selbst wenn diese durchschnittlichen Zahlungsfristen zutreffen sollten: Dem Gläubiger entsteht daraus angesichts des geschuldeten Verzugszinses von 5 Prozent kein Schaden.

Die Rechnung ist schnell gemacht: Wenn jemand eine Rechnung von 2000 Franken 14 Tage zu spät einzahlt, muss er einen Verzugszins von Fr. 3.80 bezahlen. Damit ist der «Schaden», der dem Gläubiger durch die verspätete Zahlung entsteht, mehr als abgegolten.

Der durch die verspätete Zahlung entstandene reale Schaden ist nämlich 40 Mal kleiner als der gesetzliche Verzugszins. Konkret: Hätte die Firma die 2000 Franken fristgerecht erhalten, hätte ihr die Bank auf dem Kontokorrent einen Zins von 0,125 Prozent (aktueller Satz der UBS) gutgeschrieben. Bei einer 14-tägigen Zahlungsverzögerung macht das knapp 10 Rappen. Mit einem Verzugszins von Fr. 3.80 fährt eine Firma also bestens.

Intrum-Justitia-Sprecherin Bettina Bickel sieht das anders: Gerade für KMU seien Liquiditätsengpässe wegen verspäteter Zahlungen ein grosses Problem. «Wenn eine Firma deshalb einen Bankkredit aufnehmen muss, bezahlt sie dafür einen Zins von 9 bis 12 Prozent.» Den Kontokorrentzins könne man deshalb nicht als Referenzgrösse nehmen.

Nur: Nimmt ein Unternehmen wegen verspäteter Zahlungen tatsächlich einen Bankkredit auf, können allfällige Mehrkosten zusätzlich zum Verzugszins vom Schuldner verlangt werden.

18. Februar 2008 | Werner Fischer


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