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Artikel | Gesundheits-Tipp 02/2009

Ehekrise: Warum Internet-Therapien selten helfen

Zerstrittene Paare können sich auch im Internet Rat holen. Doch das Internet eignet sich nur beschränkt, um Beziehungsprobleme zu lösen, sagen Experten. Meist geht die Therapie in der konventionellen Praxis weiter.

Rund tausend Paare will der Aargauer Psychologe Josef Lang bisher übers Internet betreut haben. Über 100’000 Anfragen nennt die Plattform Theratalk von der Universität Göttingen (D). Glaubt man den Anbietern, entspricht die Paartherapie im Internet einem starken Bedürfnis. Beide, der Schweizer Lang wie die deutsche Universität, sind Pioniere in der Internet-Therapie für zerrüttete Beziehungen.

Paare beschreiben per E-Mail ihre Beziehungsprobleme, der Therapeut antwortet. Die Uni Göttingen hat ein Forum eingerichtet, in das sich das Paar und der Therapeut einwählen. Die Therapieform sei anonym und unkompliziert, sagen die Anbieter, und das sei ein Vorteil. Josef Lang: «Bei uns machen Menschen mit, die keine Praxis aufsuchen würden.» Zudem entfalle die aufwendige Suche nach einem geeigneten Termin für drei Leute. Jeder schreibt, wann er Zeit dazu hat. Auch der 43-jährige Rolf * berichtet: «Für mich als Berufstätiger war die Internet-Beratung attraktiv, weil ich abends mailen konnte.» Rolfs Ehe war bereits zerrüttet, als er sich beim Internet-Therapeuten anmeldete (siehe unten).


Klaus Heer: «Reden fällt vielen leichter als schreiben»

Doch Paarberatung per Internet habe massive Schwachstellen, sagen Kritiker: Gesundheitstipp-Arzt Thomas Walser: «Die körperlichen Signale fehlen, und die sind bei Konflikten sehr wichtig.» Paartherapeut Klaus Heer sagt: Manche Probleme kämen nur in der Gesprächssituation an den Tag. «Viele Paare können nicht mehr miteinander reden.» Das könnten sie nur im direkten Kontakt wieder erlernen und kaum übers Internet. Viele Betroffene hätten zudem Mühe, ihre Probleme aufzuschreiben, reden falle ihnen leichter. Heer: «Ich kenne niemanden, der nicht eindrücklich schildern kann, was ihn verzweifeln lässt, mit Tränen in den Augen oder wütender Stimme.» Psychologe Franz Eidenbenz hat für die Föderation der Schweizer Psychologen (FSP) an den Richtlinien für Internet-Beratungen mitgearbeitet. Sein Fazit: «Nur eine Minderheit der Hilfesuchenden lässt sich ausschliesslich im Internet beraten.» Viele würden den Kontakt mit den Therapeuten zwar auf elektronischem Weg beginnen, weil es nicht viel Überwindung brauche. «Die Fortsetzung findet jedoch oft in der Praxis statt.»


Internet: «Türöffner für die Therapie in der Praxis»

Therapeut Josef Lang räumt ein, dass das Internet «nicht selten ein Türöffner sei» für die Therapie in der Praxis. Die Internet-Therapie werde die Praxis nie ersetzen: «Manches kann man nur von Angesicht zu Angesicht klären. Im Internet melden sich Leute, die gerne schreiben. Paaren, die nicht mehr miteinander reden können, kann schreiben helfen.» Zum Nutzen der Paartherapie im Internet gibt es weltweit erst wenige Untersuchungen. Theratalk-Chef Ragnar Beer: «Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.» Die Universität Göttingen hat aber erste Studien gemacht. Diese kommen zum Schluss: Zwei Drittel der betroffenen Männer sind nach der sechswöchigen Therapie glücklicher. Bei den Frauen sind es etwas mehr als die Hälfte. Dieses Resultat ist vergleichbar mit den Erfolgen einer konventionellen Therapie. Doch es nahmen nur gerade 42 Paare an der Studie teil. Wie lange diese Paare dann zusammenblieben, zeigte die Studie nicht auf. Für Rolf war die Beratung per Internet ein erster Schritt zur Trennung: «Der Internet-Therapeut hielt mir den Spiegel hin. Das hat mir geholfen, mich zu entscheiden.»


Rolf*, 43: «Die Therapie per E-Mail war für mich ein Riesenvorteil»

«Die Internet-Beratung beim Paartherapeuten war genau das, was ich brauchte. Denn ich arbeite Vollzeit und hatte Mühe, Termine bei einem Therapeuten abzumachen. Es war für mich ein Riesenvorteil, dass ich ein Mail schreiben konnte, wenn ich die nötige Ruhe hatte. Für mich war das Angebot im Internet deshalb sehr attraktiv. Nach elf Jahren hatten sich meine Frau und ich auseinandergelebt. Wir haben zwei Kinder, sie sind acht und zwölf Jahre alt. Häufig waren wir in Erziehungsfragen nicht einig. Es schien mir, dass ich immer weniger zu sagen hatte. Ich fühlte mich abgeschoben. Die Stimmung zu Hause war oft zum Schneiden. Meine Frau bekam Depressionen und suchte einen Psychiater auf. Der bot uns an, bei ihm eine Paartherapie zu machen. Doch ich sah sofort, dass dies nicht sein Fachgebiet war. Nach vier bis fünf Sitzungen wollte ich nicht mehr. Meine Frau und ich einigten uns, dass ich einen anderen Therapeuten suchen sollte. Im Internet stiess ich auf die Paartherapie per E-Mail. Ich habe dem Therapeuten insgesamt drei Mails geschrieben – ohne meine Frau einzuweihen. Die Antworten des Therapeuten waren jeweils mehr als eine A4-Seite lang. Der Internet-Therapeut hat geschrieben, dass alles eher für die Trennung spreche – ohne mir vorzuschreiben, was ich tun sollte. Meine Frau und ich gingen dann nochmals zu einem Therapeuten in eine Praxis. Auch er meinte, wir könnten uns nicht mehr viel Hoffnung machen. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Unsere Beziehung ist am Ende. Wir werden uns trennen, ich beziehe eine Wohnung in der Nähe.»

*Namen geändert


Tipps: So erkennen Sie seriöse Internet-Therapeuten

Hier kann eine Paarberatung im Internet helfen

  • Sie haben keine Zeit für wiederkehrende Beratungstermine
  • Sie haben Kinder und keinen Babysitter
  • Sie möchten keine belastenden Gesprächssituationen
  • Sie wollen mit dem Therapeuten spontan Kontakt aufnehmen können


Seriöse Internet-Therapeuten

  • Geben Zeitrahmen, Kosten und Zahlungsmodus an
  • Verlangen persönliche Angaben wie Alter und Geschlecht
  • Machen auf Risiken der Datenübertragung aufmerksam
  • Bieten verschlüsselten E-Mail-Verkehr an
  • Sagen, dass Internet-Beratung bei akuten Krisen ungeeignet ist
  • Nennen eine Notrufnummer, falls eine seelische Krise eintritt
  • Geben ihre Adresse an


Internet-Therapeuten


Literatur
«Saldo»-Ratgeber: «Trennung und Scheidung»

14. Februar 2009 | Tobias Frey, Redaktionsleiter Gesundheitstipp


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