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Selbst bei Bagatellfällen suchen immer mehr Patienten statt den Hausarzt die teure Notfallstation eines Spitals auf. Jetzt handeln einige Hausärzte: Sie arbeiten dort, wo die Patienten hingehen: Im Spital.
Viele Notfallstationen kommen zunehmend an den Anschlag. Besonders am Abend und an Wochenenden werden sie von Patienten überrannt, die oft stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. 1997 zählte die Notfallstation des Zürcher Universitätsspitals noch 25’240 Notfallpatienten, 2007 waren es 36 557 – rund 45 Prozent mehr. Auch im Universitätsspital Basel sind die Fallzahlen innerhalb von fünf Jahren von 34’000 auf 41’500 angestiegen. Gemäss Spitalverband H+ haben sich in vielen Spitälern die Fallzahlen der Notfallzentren während der letzten zehn Jahre gar verdoppelt.
Junge und Ausländer haben vielfach keinen Hausarzt mehr
Der Zuwachs ist vor allem auf die sogenannten Walk-in-Patienten zurückzuführen – also Menschen, die eine Notfallstation aufsuchen, ohne dass sie ein Arzt eingewiesen hätte. Das ist für viele bequemer, weil Notfallstationen rund um die Uhr geöffnet sind und kein Termin vereinbart werden muss. Zudem haben vor allem junge Menschen und viele Ausländer keinen Hausarzt. Eine Untersuchung des Qualitätszirkels Brugg AG aus dem Jahr 2002 kommt zum Schluss, dass ein Hausarzt 80 Prozent der Walk-in-Patienten genauso gut versorgen könnte. Auch aus Kostengründen wäre die Entlastung der Notfallstationen sinnvoll: Das zeigt ein Kostenvergleich, den der Hausarztverein Effretikon ZH in den Jahren 2004/2005 durchgeführt hat. Die Hausärzte kommen bei ihren Notfallkonsultationen auf durchschnittliche Kosten von Fr. 176.45. Das für Effretikon zuständige Kantonsspital Winterthur errechnete für das Jahr 2004 pro Selbsteinweiser Kosten von im Schnitt 399 Franken. «Die Behandlung eines ambulanten Notfalls im Spital ist doppelt so teuer wie jene durch den Hausarzt», folgert der Autor des Vergleichs.
Die Spitäler bestätigen das Fazit, dass Hausärzte Bagatellfälle kostengünstiger behandeln. Urs Bitterlin, Sprecher des Unispitals Basel, erklärt dies damit, dass an eine Notfallstation «auch ein bedeutend höherer Massstab gelegt wird, was die Soforterkennung von schweren Krankheiten anbetrifft». Bei Kopfschmerzen und Fieber sei eine Untersuchung der Hirnflüssigkeit Standard, um ja keinen Fall von schwerer Hirnhautentzündung zu verpassen. Ein Hausarzt werde dies «sehr selten» überprüfen. Für Joseph Osterwalder, Chefarzt Notfallaufnahme am Kantonsspital St. Gallen, ist der Ausbildungsauftrag ein entscheidender Kostenfaktor: Die Assistenzärzte auf den Notfallstationen seien zu wenig erfahren und würden deshalb grosszügige Abklärungen vornehmen. Das allein mache 20 bis 30 Prozent der Mehrkosten aus.
Immer weniger Patienten im ärztlichen Notfalldienst
Die Patienten lassen sich nicht dazu umerziehen, in Notfällen vermehrt den Hausarzt zu konsultieren. So Margot Enz, Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. In Baden AG, wo sie als Allgemeinmedizinerin tätig ist, musste sie jahrelang mitansehen, wie der ärztliche Notfalldienst ausserhalb der Praxiszeiten weniger genutzt wurde. Umgekehrt nahmen die Patientenzahlen im Notfall des Kantonsspitals Baden (KSB) ständig zu. Die Ärzte aus der Region Baden haben deshalb gehandelt und sich entschieden, dorthin zu gehen, wo die Patienten sind. Seit Februar 2007 arbeiten Badener Hausärzte am Abend und am Wochenende in einer Notfallpraxis direkt neben der KSB-Notfallstation (siehe unten). Dadurch liess sich das KSB von Bagatellfällen deutlich entlasten.
Luzern und Solothurn sind dem Beispiel Badens gefolgt
Dieses «Badener Modell» macht Schule. Das Kantonsspital Luzern und das Bürgerspital Solothurn zogen nach und führen nun zusammen mit Hausärzten Notfallpraxen. Im Kantonsspital St. Gallen läuft ein Pilotversuch à la Baden. Das Zürcher Stadtspital Waid eröffnet diesen Frühling eine neu erstellte Notfallpraxis für Grundversorger. Anders die Limmattaler Hausärzte: Sie sprachen sich letzten Herbst gegen eine Notfallpraxis am Spital Limmattal aus. Sie wollen ihre Selbständigkeit bewahren und ziehen es vor, den bestehenden hausärztlichen Notfalldienst auszubauen.
Medix: Kostengünstig arbeitende Notfallpraxis
Nochmals anders reagiert das Ärztenetzwerk Medix in Zürich auf die Entwicklung: Medix betreibt seit letztem Oktober am Stauffacher eine eigene Notfallpraxis mit ausgedehnten Öffnungszeiten. Eine Voranmeldung ist nicht nötig. Laut leitendem Arzt Axel Rowedder behandelt die Notfallpraxis leichte bis mittelschwere Fälle «ohne Zweifel» kostengünstiger als die Notfallstation eines Spitals. «Unsere Praxis kann sehr wirtschaftlich arbeiten und muss sich nicht über zu hohe Rechnungsstellung oder Durchführung unnötiger Diagnostik und Therapie finanzieren.»
«Badener Modell»: Positive Erfahrungen
Wer am Abend oder am Wochenende die Notfallstation des Kantonsspitals Baden (KSB) betritt, trifft womöglich nicht einen Spitalarzt, sondern seinen Hausarzt. 39 von 80 Hausärzten der Region behandeln in der KSB-Notfallpraxis Bagatellfälle. Sie arbeiten wochentags von 17 bis 23 Uhr und an den Wochenenden von 8 bis 23 Uhr in der KSB-Notfallpraxis. In der restlichen Zeit betreuen Spitalärzte die Praxis. Ein Hintergrunddienst der übrigen Hausärzte stellt die Hausbesuche sicher. Die Erfahrungen mit diesem «Badener Modell» sind positiv: Laut Beate Schramm, Oberärztin der KSB-Notfallstation, lassen sich die Bagatellfälle seit der Inbetriebnahme der Hausärzte-Notfallpraxis effizienter behandeln. Die Wartezeit für einfache Fälle hat sich auf durchschnittlich 53 Minuten verkürzt. Eine saldo-Leserin kann den Wandel bestätigen: Wegen einer Gallenkolik musste sie zweimal den KSB-Notfall aufsuchen – beim ersten Mal vor, beim zweiten Mal nach Eröffnung der Hausärzte-Notfallpraxis. Beim zweiten Besuch war die Aufenthaltszeit nur halb so lang – und die Kosten nur halb so hoch.
15. Februar 2009 | Thomas Lattmann, Redaktion saldo
