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Die jungen Frauen sind spindeldürr – doch in den Internet-Foren feuern sich Pro-Ana-Anhängerinnen zum weiteren Abmagern an. Experten warnen: «Solche Foren sind gefährlich.» Doch niemand schreitet ein.
Tabea will diesen Sommer nur noch 40 Kilogramm wiegen. Die 16-Jährige hofft, dann «endlich schön dünn und perfekt zu sein». Für sie ist klar, dass sie das gefährliche Wunschgewicht erreichen wird: «Bis jetzt habe ich noch immer durchgehalten», schreibt sie dem Gesundheitstipp per Mail. Ihre Internet-Freundinnen, die auch Pro-Ana-Anhängerinnen sind, würden sie zudem unterstützen.
Pro Ana steht für Anorexie beziehungsweise Magersucht. Das Motto lautet: «Dünn sein ist wichtiger als gesund sein.» Anhängerinnen der Pro-Ana-Bewegung tauschen sich mit Gleichgesinnten auf einschlägigen Internet-Foren aus. Die essgestörten Menschen – meist Frauen – feuern sich gegenseitig an, noch dünner und untergewichtiger zu werden. Sie schreiben über Abspecktricks und wie sie ihre Essstörung gegenüber anderen verheimlichen können.
Das Gefährliche dabei: Viele Mitglieder solcher Foren sehen ihre Essstörung weniger als Krankheit denn als Lebensstil. Tabea sagt zwar, dass sie anfangs – vor knapp zwei Jahren – «aus der Krankheit raus wollte». Jetzt nicht mehr: «Pro Ana gehört zu mir und meinem Leben.»
«Die tödliche Gefahr wird vollkommen ausgeblendet»
Genau deswegen sind diese Internetseiten für die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dagmar Pauli so alarmierend: «Für einige dieser Betroffenen wird ihre schwere Essstörung zu einer Identität.» Statt sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen, würden sie diese in den Foren beschönigen, verherrlichen – ja gar als Lebensinhalt betrachten. Das Leiden und die tödliche Gefahr würden vollkommen ausgeblendet. Dabei ist die Todesrate bei Anorexie so hoch wie bei keiner anderen psychischen Krankheit. Untersuchungen zeigen: 5 bis 20 Prozent der Magersüchtigen sterben, weil sie sich nicht behandeln lassen. Bei vielen wird die Krankheit chronisch.
Bei Essstörungen möglichst früh in eine Therapie
Bei Essstörungen muss man deshalb möglichst früh etwas unternehmen, sagt Psychologin Erika Toman. Sie ist Präsidentin des Netzwerks Essstörungen Schweiz. «Je schneller jemand mit einer Behandlung gegen Anorexie beginnt, desto weniger wird die Krankheit chronisch.» Laut Toman schwanken Patienten mit einer Essstörung zwischen zwei Extremen: Phasenweise mögen sie ihr Essverhalten und auch ihren ausgemergelten Körper. Dann wiederum finden sie ihr Tun absurd – und sie merken, dass die Krankheit ihr Leben kontrolliert. Diese zwei Seiten wechseln ständig. Toman: «In den Foren werden klar die kranken Kräfte gestärkt.
Doch um gesund zu werden, braucht es die andere, positive Seite. Diese versuchen wir in einer Therapie hervorzuheben. Nur so kann eine Betroffene genesen.» Doch obschon man weiss, welch gefährlichen Einfluss Pro-Ana-Internetseiten auf junge Frauen haben, unternehmen die Behörden nichts. Das Bundesamt für Gesundheit sagt zwar, «man beobachte das Problem aufmerksam». Doch sperren lassen könne man die Seiten nicht. Grund: Die Behörden könnten nur dann einschreiten, wenn im Zusammenhang mit Produkten oder Lebensmitteln falsche Versprechen gemacht werden – und deshalb die Gesundheit gefährdet würde. In Deutschland verpflichteten sich Internet-Anbieter freiwillig, Pro-Ana-Seiten vom Netz zu nehmen. In Frankreich ist die Anstiftung zu Magersucht gar strafbar.
Der 16-jährigen Tabea ist klar, dass sie aus eigener Kraft nicht von der Magersucht loskommt. Doch wie sie sich ihr Leben mit der Essstörung in ein paar Jahren vorstellt – darüber habe sie sich noch keine Gedanken gemacht, sagt sie. Eins aber sei klar: Sie werde bis dahin ihr Wunschgewicht haben. «Dann bin ich glücklich.»
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09. Mai 2009 | Gabriela Braun, Redaktion Gesundheitstipp
