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Artikel | saldo 15/2009

Berufsleben

Jürg Fischer, 42, Leiter Regionales Arbeitsvermittlungszentrum in Wattwil SG

Vor sieben Jahren habe ich meinen Job als Key Account Manager verloren und mich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) gemeldet. Kurz darauf suchte dieses einen Personalberater. Ich habe mich beworben und die Stelle bekommen. Als Per-sonalfachmann habe ich mich nebenberuflich weitergebildet. Seit vier Jahren bin ich nun RAV-Leiter hier im Toggenburg. Die Arbeitslosenquote ist bei uns eher tief, weil unsere Branchenstruktur wenig exportabhängig ist. Trotzdem steigen die Zahlen auch hier.

Nebst den Führungsaufgaben halte ich Beratungsgespräche mit unseren Kunden. Bereits im ersten Gespräch frage ich konkret nach dem beruflichen Ziel. Nur wer sein Ziel kennt, kann es auch erreichen. Bei einer Standortbestimmung geht es darum, eine Wiedereingliederungsstrategie zu entwickeln und sich seiner Stärken bewusst zu werden. Wir konzentrieren uns auf das, was der Stellensuchende kann.

Mir ist bewusst, dass es gerade jetzt für Arbeitnehmer mit schlechter Ausbildung schwierig ist, etwas zu finden. Dies erst recht bei älteren, nicht mobilen und gesundheitlich beeinträchtigten Menschen, die unsere Sprache nicht beherrschen. Und wer ständig Absagen bekommt, ist irgendwann frustriert und gibt möglicherweise auf. Zu den beruflichen Schwierigkeiten kommen oft private Probleme, vielleicht Geldsorgen oder Ärger mit dem Partner. Dafür sind wir nicht zuständig, wir verweisen auf die Fachstellen.

Manchmal gibt es traurige Schicksale. Wenn man miterlebt, wie ein Familienvater erst den Job verliert, dann seine Frau, dann seine Gesundheit und schliesslich ausgesteuert wird, gibt einem das zu denken. Aber da muss man sich abgrenzen können. Ich bleibe wenn immer möglich neutral – das gilt auch für Kunden, die vielleicht gar nicht arbeiten wollen. Wenn jemand zum Beispiel partout nicht an einem Beschäftigungsprogramm teilnehmen will, werden die Gründe dafür im Gespräch thematisiert. Dem Kunden wird klargemacht, dass diese Programme eine Chance bieten, etwas zu lernen, eine Tagesstruktur zu haben und unter die Leute zu kommen. Ich weise zudem darauf hin, dass die Teilnahme Bestandteil der Vermittlungsfähigkeit ist. Ist diese nicht gegeben, besteht kein Anspruch auf Taggeld der Arbeitslosenkasse.

Apropos Arbeitslosenkasse: Manche glauben, wir vom RAV seien einfach die Kontrollstelle der Kasse, welche die «richtigen» Formulare nur herausrückt, wenn die Quantität und Qualität der Arbeitsbemühungen stimmen. Das trifft zumindest bei uns in Wattwil nicht zu. Wir sehen es als unsere Aufgabe, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten und die Stellenlosen zu unterstützen. Ich freue mich sehr, wenn jemand einen Job gefunden hat und ich ihn abmelden kann. erhielt schon Dankesschreiben von ehemaligen Arbeitslosen. Umgekehrt haben wir hier zum Glück wenig Menschen, die mit der Situation nicht umgehen können und gewalttätig werden. Bei «schwierigen» Kunden kann das Gespräch zu dritt stattfinden, oder ich alarmiere die Kollegen.

Jedes Beratungsgespräch verläuft anders. Man muss flexibel sein und sich schnell auf den Gesprächspartner einstellen. Das ist spannend, aber bei acht bis zehn Gesprächen pro Tag sehr anstrengend. Sobald ich abends mein Büro verlasse, denke ich nicht mehr an meine Arbeit. Ich freue mich auf meine vier Kinder und mein Hobby, das Fussballspielen. Ich trainiere eine Kindermannschaft, und das ist für mich der beste Ausgleich zum Berufsalltag.

22. September 2009 | Marianne Siegenthaler


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