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Der ehemalige «Tagesschau»-Chef Heiner Hug erklärt, warum der Sendung das junge Publikum fehlt. Sein Buch reichert er mit vielen Anekdoten an.
«Die Vorreiterin des Niedergangs»
Die «Tagesschau» ist der grösste Seniorenclub des Landes. Der pensionierte Leiter der Sendung, der Fernsehjournalist Heiner Hug, rechnet in seinem streckenweise selbstkritischen Buch «Fernsehen ohne Zuschauer» vor, warum das Flaggschiff des Schweizer Fernsehens die junge Generation nicht anspricht: Es gelingt den Machern nicht, attraktive Inhalte jugendgerecht zu produzieren. «Die ‹Tagesschau› ist die Vorreiterin des Niedergangs», hält Hug fest und meint den Niedergang des Schweizer Fernsehens schlechthin.
Als Leser fragt man sich, warum Hug und seine Crew dies denn hingenommen haben. Der Autor sagt es zwar nicht explizit, aber nach der Lektüre seines Buchs hat man den Eindruck, dass es für eine Trendwende längst zu spät ist. Das Fernsehen hat bereits zu sehr an Bedeutung verloren und ist nur noch ein Medium unter vielen, wenn auch ein sehr teures. Hug lässt in diesem Buch die messerscharfe Analyse vermissen und lässt sich sogar zu offenkundigen Fehlinterpretationen verleiten. Etwa wenn er behauptet, die «Tagesschau» sei keine Boulevardsendung und setze auf eine strikte Objektivität – die es so wohl kaum gibt.
Trotzdem bietet das Buch ein Lesevergnügen, weil Hug seine Ausführungen immer wieder mit Anekdoten schmückt: Etwa mit der Geschichte einer Zuschauerin, die schriftlich darum bittet, dass der Moderator die Krawatte ihres verstorbenen Mannes trage: «Das würde ihn freuen.» Oder die Episode eines Wirtschaftsführers, der bei der Aufzeichnung eines TV-Interviews das Opfer seiner eigenen PR-Assistentin wurde. Sie korrigierte ihn so lange, bis er ausrastete und auf das Interview verzichten musste.
Fazit: Wer trotz allem noch die «Tagesschau» sieht und einen Blick hinter die Kulissen erhaschen möchte, hat Freude an diesem Buch.
Heiner Hug, «Fernsehen ohne Zuschauer», Orell Füssli, ca. Fr. 36.–
Vom langsamen Essen und Leben
Der englische Begriff Slow Food – langsames Essen – steht seit rund zwanzig Jahren für einen Gegenentwurf zum hektischen, genussfeindlichen und oberflächlichen Alltagsleben in der industrialisierten Welt. Das Buch schildert die spannende Geschichte der Slow-Food-Bewegung von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Heute steht Slow Food nicht mehr allein für gutes, genussvolles Essen, sondern für eine ganze Lebensphilosophie. Daneben stellen die beiden neuseeländischen Autoren grundsätzliche Gedanken zum Wert der Zeit in der heutigen Gesellschaft an. Auch hier findet man überraschende Ansätze. Der Mangel des Buches: Es plustert sich mit einer gestelzt-wissenschaftlichen Sprache auf.
Wendy Parkins, Geoffrey Craig, «Slow Living, Langsamkeit im globalen Alltag», Rotpunktverlag, ca. Fr. 36.–
Höchste Zeit für «grüne» Reformen
Lange beherrschte die Klimakatastrophe die Schlagzeilen, seit Monaten ist es die Wirtschaftskrise. Für den deutschen Journalisten Stephan Kosch ist klar: Die Welt braucht einen «New Green Deal», ökologisch und sozial verträgliche Reformen, ähnlich denen, welche die USA aus der Krise der 1930er-Jahre führten. Angesichts staatlicher Konjunkturpakete sei heute der günstigste Zeitpunkt, die Probleme der Ökologie und der Ökonomie zu lösen, behauptet Kosch. Sein Fazit: «Die Voraussetzungen für einen New Green Deal sind nicht schlecht, aber was bisher getan wird, reicht nicht.» Er fordert Politiker und Manager auf, den Klimaschutz weiter oben auf die Agenda zu setzen. Gefragt sei ein gemeinsames Vorgehen von Uno, G-20, EU und Welthandelsorganisation.
Stephan Kosch, «Expeditionen ins Krisengebiet», Rotbuch Verlag, ca. Fr. 19.–
Durch Gedanken zum Erfolg
Die besten Erfolgsrezepte nützen nichts, wenn Blockaden im Kopf die Umsetzung verhindern, schreiben Gabriele Stöger und Mona Vogl in ihrem neuen Buch. Sie zeigen auf, wie das Unterbewusstsein uns ein Schnippchen schlägt. Dazu gehört etwa der Reiz des Misserfolgs. Dieser kann lukrativer erscheinen als der Erfolg, weil er uns mehr Freizeit beschert. Die Autorinnen setzen hingegen auf die Kraft der Gedanken. Deshalb gelte es, neue Verknüpfungen im Hirn anzulegen und diese oft zu aktivieren. So könne man sein Hirn auf Erfolg trimmen. Dennoch bezweifeln Skeptiker, ob ein Umdenken allein wirklich zu mehr Erfolgen führt. Schliesslich gibt es Hindernisse wie eine mangelhafte Ausbildung oder ein schwieriger Boss, denen mit positiven Gedanken schwer beizukommen ist.
Gabriele Stöger, Mona Vogl, «Glück und Erfolg beginnen im Kopf», Orell Füssli, ca. Fr. 35.–
04. Oktober 2009 | Rolf Hürzeler, fis, ps, mif
