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Immer wieder gelangt giftiger Rauch von den Triebwerken in Flugzeuge. Studien zeigen, dass das der Gesundheit schadet. Doch niemand will handeln.
Flugpassagiere stellen es immer wieder fest: In der Kabine riecht es nach Öl. Der Grund: Aufgrund schlecht gewarteter oder defekter Triebwerke gelangt Ölqualm über die Ventilation ins Flugzeug. Die Kabinenluft wird nämlich in den meisten Flugzeugen bei den Triebwerken angezapft. Kritisch an dieser Zapfluft sind vor allem die Zusatzstoffe im Öl, darunter Trikresylphosphat (TCP).
Das Nervengift kann zu Seh- und Sprechstörungen, Gedächtnisverlust, Atemnot und Lähmungen führen. Da TCP vorübergehend handlungsunfähig machen kann, wird eine Geruchsbildung speziell im Cockpit äusserst ernst genommen. Dies zeigt auch das jüngste Beispiel einer Maschine der British Airways.
Die BA 487 war am 18. Februar auf dem Weg von Barcelona nach London, als sie 20 Minuten nach dem Start aufgrund ungewöhnlicher Geruchsbildung zur Notlandung ansetzen musste. Flugzeughersteller und Airlines haben es bis heute unterlassen, die giftige Wirkung von Rauch in Flugzeugen abzuklären. Eventuelle Schutzmassnahmen wurden nicht erlassen. Daran änderte auch der Test des «Kassensturz» und des ARD-Wirtschaftsmagazins «Plusminus» Anfang 2009 nichts. Fast alle Proben aus Swiss-Maschinen sowie aus Flugzeugen von sechs weiteren europäischen Airlines wiesen TCP-Spuren auf.
Die Boeing 787 beweist: Eine andere Konstruktion ist möglich
Damals wie heute hält sich die Swiss, deren gesamte Flotte mit Zapfluftsystemen ausgestattet ist, zu Vorfällen mit verschmutzter Zapfluft bedeckt. Man nehme das Thema sehr ernst, auch wenn es im Schnitt nur einen Fall mit sichtbarem Rauch pro Jahr gebe, relativiert Pressesprecherin Sonja Ptassek.
Eine Expertise der britischen Regierung geht aber von statistisch einem Fall pro 2000 Flüge aus. Was wiederum bei der Swiss (134'000 Flüge im Jahr) fünf Vorfälle pro Monat, beim Mutterkonzern Lufthansa gar einen Vorfall pro Tag bedeuten würde. Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty dementiert diese Zahl zwar, will aber selber keine konkreten Angaben machen.
Laut Lamberty ist eine wirksame Filterung der Zapfluft technisch bisher nicht möglich. Dies sieht man bei der Swiss anders. Über eine Million Schweizer Franken habe man bereits in verbesserte Filteranlagen auf dem Jumbolino investiert, so Ptassek. Und es gibt Alternativen: Bei der neuen Boeing 787 kommt ein anderes Belüftungssystem zum Einsatz. Der sogenannte Dreamliner bezieht seine Atemluft nicht mehr über die Triebwerke, sondern über Öffnungen am Rumpf.
Das Büro für Flugunfalluntersuchungen (BFU) hat in den letzten Jahren mehrere Berichte zu Dunst- und Rauchvorfällen verfasst. Trotzdem scheinen ihm die Hände gebunden. «Wir warten auf einen nachweisbaren, gravierenden Fall. Erst wenn die Besatzung zum Beispiel Masken benutzen musste, können wir aktiv werden», so BFU-Untersuchungsleiter Daniel Knecht. Ein Teil des Problems sei die Wartung. Die grösste Gefahr aber sei konstruktionsbedingt, so Knecht.
Hersteller und Airlines verharmlosen Gesundheitsprobleme
Auch die Schweizer Vereinigung des Kabinenpersonals Kapers und der Pilotenverband Aeropers sind sich über die Dringlichkeit des Themas einig. Beide können aber offenbar kaum mehr tun, als auf europäische Richtlinien zu warten. So befasst sich die Europäische Agentur für Flugsicherheit (Easa) immerhin seit Ende 2009 mit einer Gesetzgebung. Verbindliche Regeln für Airlines und Luftfahrtindustrie sind jedoch nicht vor Ende 2011 zu erwarten.
Airlines wie auch Flugzeugindustrie ziehen sich auf den Standpunkt zurück, dass es keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Öldampf und gesundheitlichen Problemen gäbe. Auch dem Bundesamt für Zivilluftfahrt, das 2009 sieben Meldungen wegen Geruchsemissionen erhielt, seien «keine Auswirkungen auf Passagiere oder Piloten bekannt», so Sprecher Anton Kohler. Eine 2009 durchgeführte britische Studie mit 18 Piloten sowie eine US-Studie mit 26 Piloten konnten allerdings klare Verbindungen zwischen verunreinigter Kabinenluft und Gesundheitsproblemen herstellen.
27. Februar 2010 | Gertrud Rall
