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Artikel | saldo 08/2010

Panikmache war unbegründet: Pensionskassen haben Finanzkrise bereits überwunden

Die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg ist noch kaum zu Ende – und schon geht es den privaten Pensionskassen wieder so gut, dass sie grosse Reserven anlegen können.

Credit Suisse, UBS und Swisscanto ermitteln regelmässig den finanziellen Zustand der Pensionskassen. Da sie längst nicht alle Pensionskassen erfassen können, sind die Resultate nicht perfekt. In der Tendenz stimmen sie aber schon. Das Fazit der jüngsten Erhebungen: Die Pensionskassen haben sich in einem Tempo erholt, wie es vor einem Jahr nicht einmal die grössten Optimisten vorauszusagen gewagt hätten.

Ende März betrug der durchschnittliche Deckungsgrad der privatrechtlichen Pensionskassen 106 Prozent, sagt Swisscanto, die Geldanlage-Gesellschaft der Kantonalbanken. Das heisst: Die finanziellen Mittel waren grösser als die eingegangenen Verpflichtungen wie laufende und zukünftige Renten oder Freizügigkeitsleistungen – und zwar um sechs Prozent. Dieses Resultat gelang notabene nach der schwierigsten Phase, seit es die zweite Säule gibt (1985).


100 Milliarden mehr in einem Jahr

Die Wende hatte Anfang März 2009 eingesetzt. Damals beendeten die Aktienbörsen weltweit ihre rasante Talfahrt. Fast so schnell wie das Vermögen der Pensionskassen vorher geschrumpft war, nahm es nun wieder zu. Gemäss dem Pensionskassen-Index der Credit-Suisse belief sich die Rendite auf den Vermögensanlagen zwischen Ende Februar 2009 und Ende März 2010 auf 17 Prozent. Mit anderen Worten: Den Pensionskassen gelang es in wenig mehr als einem Jahr, ihr Vermögen um rund 100 Milliarden Franken zu vermehren.

Ein Plus von 100 Milliarden – haben die Medien dieses erfreuliche Ergebnis gebührend gewürdigt? Hat es sich in positiven Schlagzeilen niedergeschlagen? Überhaupt nicht. Gute Neuigkeiten ziehen weniger als schlechte Neuigkeiten. Ein Blick zurück beweist es. 2008, als die Börsen immer tiefer fielen und den Pensionskassen zusetzten, jagten sich die Horrormeldungen über die sinkenden Deckungsgrade.

Besonders eifrig verbreitete die «Sonntagszeitung» Weltuntergangsstimmung, mit gross aufgemachten Artikeln:

  • 20. Januar 2008: «Pensionskassen: Krise reisst Loch von 30 Milliarden. Den Kassen fehlt massiv Geld, um die garantierten Renten zu finanzieren.»
  • 20. Juli 2008: «Pensionskassen: 55 Milliarden Franken weg – Experten verlangen Senkung des Mindestzinssatzes.»
  • 18. Januar 2009: «Schlechteste Rendite seit 1985. Die meisten PK-Sammelstiftungen haben das Jahr 2008 mit massiven Verlusten beendet und befinden sich in Unterdeckung.»
  • 10. Mai 2009: «Es ist dringend nötig, durch die Anpassung des Umwandlungssatzes eines der Verlustlöcher zu schliessen. Renten zu versprechen, die sich langfristig nicht finanzieren lassen, führt Pensionskassen in die Pleite.»
  • 14. Juni 2009: «Vorsorge aus dem Lot. Nach dem schlechtesten Anlagejahr in der Geschichte der 2. Säule sind viele Sammelstiftungen in Unterdeckung. Es fehlen bis zu 30 Prozent des Kapitals.»


Solche Schwarzmalerei betrieben auch viele Pensionskassenverwalter und ihre Verbündeten. Zum Beispiel Swisscanto. Für die Geldanlage-Gesellschaft der Kantonalbanken sind Pensionskassen wichtige Kunden. Sie schockierte die Öffentlichkeit mit dem Befund, dass Ende 2008 drei von vier Pensionskassen eine Unterdeckung aufwiesen und jede vierte Kasse ein Sanierungsfall sei.

Wenig später wurde Swisscanto von den kantonalen Aufsichtsbehörden völlig desavouiert: Diese stellten fest, dass per Ende 2008 nur 30 Prozent der Pensionskassen eine Unterdeckung hatten und nur 8 Prozent Sanierungsmassnahmen ergreifen mussten.


In Quartalen statt in Jahrzehnten gedacht

Sogar wenn die Swisscanto-Zahlen gestimmt hätten, wäre das kein Grund zur Panik gewesen. Denn die Altersvorsorge ist ein extrem langfristiges Geschäft. Die PK-Versicherten bauen ihre Altersguthaben während 40 Jahren auf und zehren 20 Jahre davon. Da sollte man in Jahrzehnten denken und sich nicht von ein paar schlechten Quartalen oder Jahren ins Bockshorn jagen lassen.

Den Kopf verlor auch die SP. Mitten im Börsencrash, im April 2008, forderte sie allen Ernstes, dass es den Pensionskassen verboten werden solle, mehr als 30 Prozent ihrer Gelder in Aktien anzulegen. Wie unsinnig ein solches Verbot wäre, lässt sich am Beispiel der PK-Stiftung Integral gut zeigen: Integral ist eine kleine Sammelstiftung mit Sitz in Thusis GR. Ihr angeschlossen sind gegen 300 Firmen und Organisationen. Die Zahl der Versicherten: gut 2100 Erwerbstätige und nur rund 150 Rentner.

Dass sie eine junge Kasse ist, nützt Integral voll aus: Über 70 Prozent ihrer Gelder investiert sie in Aktien. Der hohe Aktienanteil führte 2008 zwar dazu, dass der Deckungsgrad auf etwa 80 Prozent fiel. Die Kassenverantwortlichen liessen sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen und hielten an ihrem Anlagekonzept fest.

Mit grossem Erfolg: Vor zwei Wochen konnten sie melden, dass der Deckungsgrad wieder auf über 105 Prozent liegt. Und die Rendite, welche Integral von Anfang 2000 bis Ende 2009 erwirtschaftet hat, ist beeindruckend: Sie beträgt total 74 Prozent oder durchschnittlich 5,7 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: In dieser zum Teil sehr schwierigen Periode kamen die Schweizer Pensionskassen im Schnitt laut Credit Suisse auf eine Gesamtrendite von 22 Prozent – oder etwa zwei Prozent pro Jahr (siehe Grafik im pdf-Artikel).


Die Schwarzmaler liegen falsch

Sicher, die meisten Pensionskassen haben einen höheren Rentneranteil als Integral und können deshalb nicht so stark auf Aktien setzen. Es stimmt auch, dass der durchschnittliche Deckungsgrad bei den öffentlich-rechtlichen Pensionskassen noch nicht wieder die 100-Prozent-Marke erreicht hat. Der Grund ist allerdings weit in der Vergangenheit zu suchen: Sie wurden meist nicht richtig ausfinanziert, d.h. nicht mit genügend Kapital ausgestattet.

Alle Relativierungen können nicht darüber hinwegtäuschen: Den Pensionskassen geht es viel besser, als die notorischen Schwarzmaler wahrhaben wollten. Die privaten Pensionskassen sitzen heute bei einem Deckungsgrad von 106 Prozent auf unbenötigten Reserven in der Grössenordnung von mindestens 25 Milliarden Franken.

Und dies, obwohl es im Verlauf der letzten zehn Jahre zwei Börsenkrisen gegeben hat, die jedes Mal rund die Hälfte der Aktienwerte vernichteten.

25. April 2010 | Silvio Bertolami


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