Artikel | saldo 10/2010
Krankenkasse Helsana: Vorbelasteter Neuzugang
Thomas D. Szucs ist neuer VR-Präsident der grössten Krankenkasse Helsana – und gleichzeitig an der Spitze einer grossen Biotech-Beteiligungsgruppe. Ein Interessenkonflikt ist programmiert.
Thomas D. Szucs hat Medizin, Wirtschaft und Recht studiert und ist Professor für Pharmazeutische Medizin an der Uni Basel. Er sitzt aber auch in mehreren Verwaltungsräten. Seit 2003 ist er VR-Präsident bei BB Biotech. Diese beteiligt sich an Biotechnologie-Firmen und ist mit 1,5 Milliarden Franken verwaltetem Vermögen eine der weltweit grössten in diesem Sektor. Szucs ist auch VR-Präsident von Bioxell und sitzt im Aufsichtsrat von Biovertis.
Medikamentenkosten verursachen steigende Prämien
Der Biotechnologie-Markt ist sehr lukrativ: Seit 2002 kommen mehr als die Hälfte aller neu zugelassenen Medikamente aus den Labors von Biotech-Unternehmen. Die überrissenen Kosten neuer Medikamente sind mitverantwortlich für die steigenden Krankenkassenprämien (saldo 11/10). Was bei den Tätigkeiten des neuen Helsana-Chefs auffällt, ist seine Nähe zur Pharmaindustrie. Und bei der Auswahl der entsprechenden Mandate ging Szucs nicht immer wählerisch vor.
Einige Beispiele:
- Von 2007 bis 2009 war Szucs im Verwaltungsrat der Botox-Klinik Smoothline. Das Faltenglättungsmittel Botulinumtoxin gehört in konzentrierter Form zu den gefährlichsten Giften der Welt und ist in der Wissenschaft stark umstritten.
- Szucs sass auch im VR der auf Check-ups für reiche Ausländer und Manager spezialisierten Double Check in Zürich und des Diagnostic and Prevention Center in St. Moritz. Beim Bündner Unternehmen schied er Anfang 2008 aus, im Jahr darauf ging die Firma Konkurs. Bei der Zürcher Firma trat er Anfang 2010 aus. Dieses Engagement sorgte bei der Ärzteschaft für rote Köpfe. Die Präsidenten zahlreicher Deutschschweizer Ärzte-Netzwerke monierten, dass sich Universitätsprofessoren hier in einem fragwürdigen Geschäft engagierten.
- Anfang Jahr schrieb die «NZZ am Sonntag»: «Bekannt ist Szucs auch als wissenschaftlicher Gutachter ohne Berührungsängste mit der Pharmaindustrie.» Hintergrund war das inzwischen vom Markt zurückgezogene Rheumamittel Vioxx der Firma Merck.
Szucs publizierte im Auftrag von Merck zwei Studien, wonach sich weit über 300 Millionen Franken jährlich sparen liesse, wenn die Ärzte konsequent die neuen Medikamente, also Vioxx statt die bisherigen Schmerzmittel, einsetzten. Doch es kam anders: In Vergleichsstudien zeigte sich, dass das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Thrombosen nach anderthalb Jahren Einnahme von Vioxx stieg.
2004 zog Merck das Medikament zurück. Damit nicht genug: Die Forscher um Peter Jüni und Matthias Egger vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern kamen Ende 2004 zum Schluss: Die Herz-Kreislauf-Risiken des Medikamentes Vioxx wären bereits Ende 2000 belegbar gewesen.
Helsana-Sprecher Rod Hartmans sieht keine Gefahr von Interessenkollisionen. Szucs’ Ausbildung und überzeugende Persönlichkeit würden ihn «zu einer Idealbesetzung für diesen Job» machen. BB Biotech sei kein Pharma- oder Biotech-Unternehmen, sondern eine Beteiligungsgesellschaft. Sie nehme keinen Einfluss auf das Management von Biotech-Unternehmen.
24. Mai 2010 | Werner Fischer
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