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«Kann ich auf einen Sprung vorbeikommen? Ich hätte gerne ein paar kluge Tipps von dir …» Am Telefon war Uschi, eine frühere Kollegin. Zehn Minuten später sass sie bereits an meinem Küchentisch und schilderte mir pikante Einzelheiten ihrer zerstrittenen Erbengemeinschaft. Nach einer guten Stunde und ein paar Ratschlägen von mir verabschiedete sie sich dankend mit dem Versprechen: «Wir beide gehen zusammen dick essen – auf meine Kosten natürlich. Das Entrecôte in der ‹Riedberg›-Beiz ist so!» Dabei küsste sie genüsslich ihre Fingerspitzen.
Das Essen war wirklich hervorragend und auch beim Wein achtete Uschi nicht auf den Preis. Als es nach dem Dessert ums Zahlen ging, wühlte sie nervös im Handtäschchen und gestand: «Peinlich! Ich hab das Portemonnaie vergessen!» So zahlte halt ich – und Uschi gelobte hoch und heilig, mir das Geld umgehend
zurückzugeben.
Tage und Wochen vergingen, und über die Sache senkte sich sanft der Schleier des Vergessens.
Neulich meldete sich Uschi wieder mit der Bitte: «Du! Darf ich wegen dieser Erbschaft nochmals vorbeikommen?» Ich willigte ein. Nachdem ich einen Ordner voll Akten durchgeackert hatte, machte sich Uschi auf den Heimweg: «Du weisst, ich bin nicht knausrig!», sagte sie mir noch unter der Tür. «Wir beide gehen wieder ins ‹Riedberg› dick essen – das gleiche Programm wie beim letzten Mal!»
18. November 2011 | Hans Ruedi Schmid
