Augenwischerei mit hohem Zins

K-Geld 02/2012 vom

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Attraktive 3,75 Prozent Jahreszins versprach die Bank Clariden Leu für ein Finanzprodukt auf drei Aktien. Was sie verschwieg: Der Anleger muss auf die Dividende verzichten – doch sie allein wirft schon mehr Rendite ab.

Die Zinsen sind im Keller. Für zweijährige Kassenobligationen erhält man im besten Fall 1 Prozent Zins im Jahr. Vielen Anlegern dürfte daher das ganzseitige Inserat der Clariden Leu in diversen Zeitungen aufgefallen sein (siehe Bild): Die Bank verspricht Investoren 3,75 Prozent Rendite pro Jahr für ihr Produkt. Die Laufzeit beträgt zwei Jahre. Dann werde dem Anleger das anfänglich investierte Kapital zurückgezahlt. Das Angebot konnten Anleger bis am 2. Februar zeichnen.


Berührt der Kurs die Barriere, gibt es Verluste

Doch das Zinsversprechen der Clariden Leu basiert auf der riskanten Kombination eines Darlehens und einer Wette auf die Kursent­wicklung mehrerer Aktien. Verliert der Anleger diese ­Wette, büsst er viel Geld ein – Zins hin oder her.

Das Geschäft funktioniert so: Bei diesem sogenannten Multi Barrier Reverse Convertible wird das Kapital nach zwei Jahren nur zurückbezahlt, wenn in diesem Zeitraum keiner der Schweizer Börsenschwergewichte Nestlé, Novartis und Roche unter eine gewisse Barriere fällt. Sie liegt bei allen drei Titeln bei 49 Prozent. Beispiel: Sinkt der Kurs der Nestlé-Aktie vom Anfangskurs von Fr. 53.65 um 49 Prozent auf Fr. 26.29, wird die Barriere verletzt. Wird sie von ­einem oder mehreren der drei Titel berührt, erhält der An­leger statt seines Darlehens die Aktie mit der schlechtesten Wertentwicklung.

49 Prozent ist eine tiefe Barriere. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sie innert der nächsten zwei Jahre verletzt wird. 51 Prozent Kursverlust im Verlauf von zwei Jahren ist auch für die Schweizer Edelaktien nicht ungewöhnlich. Letztmals passierte das zwischen Frühjahr 2002 und Frühjahr 2003 bzw. Herbst 2007 und Frühjahr 2009.

Statistisch gesehen geschieht das bei diesen drei Aktien und entsprechend tiefer Barriere über die zwei Jahre in rund 5 Prozent aller Fälle. Das zeigt das Datenmaterial des Fachmagazins «Payoff».

Sinkt keine der drei ­Aktien während der Laufzeit unter die Barriere von 49 Prozent, erhalten Anleger pro Fr. 1000.– Einsatz Fr. 1037.50 zurück. Durchbricht aber eine der Aktien die Barriere nach ­unten, bekommen Anleger bloss die am tiefsten gefallene Aktie plus Fr. 37.50.

Verharrt die Aktie genau auf der Barriere, siehts so aus: Pro 1000 Franken eingesetztem Kapital gibts nur  noch den Gegenwert von Fr. 490.– in Aktien plus Fr. 37.50 Zins. Total also Fr. 527.50 – ein Verlust von rund 47 Prozent. Steigt umgekehrt ein Kurs über den ursprünglichen Basiskurs, erhält der Anleger dennoch bloss Fr. 1037.50.


Clariden-Anlage bringt keine ­Dividenden

Hinzu kommt – und dies steht nicht im Inserat: Der Käufer erhält keine Dividenden. Dies im Gegensatz zum Anleger, der dieselben Titel selber kauft. Und die Dividenden fliessen gerade bei diesen Titeln grosszügig: Bei Ausgabe des Clariden-Leu-Produkts im Februar betrug die Dividendenrendite von Novartis bezogen auf den damaligen Börsenkurs 4,2 Prozent, bei Roche 4 und bei Nestle 3,3 Prozent pro Jahr. Im Schnitt erzielten die drei Aktien rund 3,8 Prozent Dividende. Das ist ganz leicht mehr, als das Produkt der Clariden Leu abwirft (3,75 %).

Nur gerade im Szenario mit leicht bis mittelstark fallenden Kursen verspricht das Clariden-Leu-Produkt Schutz vor Kapitalverlust. Dieser «beträchtliche Puffer» sei denn auch der grosse Vorteil, sagt Clariden-Leut-Sprecher Thomas Schmidlin. Ein leichter Abwärtstrend würde «die Investition nicht schmälern». Zudem sei der Zins von 3,75 Prozent pro Jahr im Gegensatz zur Dividende garantiert. Doch angesichts der kleinen Gewinnchance und den bei solchen Produkten üblichen versteckten Kosten von rund 3 Prozent des Kaufpreises für diverse Gebühren rät K-Geld vorsichtigen Kleinanlegern vom Kauf solch spekula­tiver Papiere ab.

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