Bei armen Kindern werden die Spender weich

saldo 17/2000 vom

Patenschaften für Kinder in Afrika oder Osteuropa sind bei Spendern sehr beliebt. Doch Fachstellen bezweifeln den Sinn solcher Geldspenden.

Täglich sterben weltweit 32 000 Kinder an Hunger. Kein Wunder, werden Schweizer Spender beim Anblick traurig aussehender Kinder aus der Dritten Welt weich. Denn Kinder sind Sympathieträger; sie wecken Emotionen und Helfergefühle. Hinzu kommt: Patenkinder können auch ein Ersatz für fehlende eigene Kinder sein. Und weil das Schicksal einer Einzelperson mehr bewegt als die Misere eines ganzen Landes, sind Einzelpatenschaften unter den Spendern besonders beliebt.


Paten spenden monatlich rund 45 Franken

Der grösste Anbieter von Einzelpatenschaften ist World Vision Schweiz. Rund 16 100 Gotten und Göttis unterstützen insgesamt 18 500 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren, vorab in Afrika. Kinderpatenschaften sind für das Hilfswerk finanziell äusserst attraktiv.

Ist einmal ein Kinderpate gewonnen, so spendet dieser im Durchschnitt während drei bis fünf Jahren jeden Monat 45 Franken. 1999 betrug das Sammelergebnis 12,5 Millionen Franken. Rund 80 Prozent dieses Betrages flossen gemäss Angaben von World Vision in Patenschaftsprojekte.

Fröhliche und sauber gekleidete Kinder zieren die professionelle Werbung der Organisation. Auch Prominente beteiligen sich. Ski-Ass Vreni Schneider war kürzlich in einem TV-Spot zu sehen: In Senegal besuchte sie ein World-Vision-Projekt. Und auch die ehemalige Miss Schweiz Stéphanie Berger begeisterte sich telegen für die World-Vision-Arbeit in Äthiopien.

"Entwicklungshilfe erhält mit den konkreten Kinderpatenschaften ein Gesicht", sagt Ben Jakob, Geschäftsleiter von World Vision Schweiz. Ein persönlicher Bezug zu einem Kind in Afrika könne für die Kinder einer Schweizer Patenfamilie durchaus bewusstseinsbildend sein.

Korrespondenz mit dem Patenkind ist möglich, wird aber von World Vision nicht gefördert. Einmal im Jahr erhält der Pate einen Bericht über die Fortschritte des Kindes und der Dorfgemeinschaft, in der es lebt. Ein Besuch beim Patenkind, etwa in einer Reisegruppe, ist ebenfalls möglich. Eine Einladung des Patenkindes in die Schweiz lehnt World Vision jedoch ab.

So kommt World Vision zu den Patenkindern: Ausgewählt werden diese durch ein lokales Dorfkomitee. Sie stammen vor allem aus benachteiligten Familien, wird versichert. Dann wird das Patenkind fotografiert und zusammen mit seinen Daten zur Schweizer Patenschaft freigegeben.


Unklare Information über Verwendung der Spendengelder

Viele Spender gehen davon aus, dass das von ihnen einbezahlte Geld dem Kind direkt und ohne Umwege zugestellt wird. Tatsächlich werden aber laut der Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmen Zewo mit den Kinderpatenschaften immer auch Entwicklungsprojekte im Wohnort des Kindes mitfinanziert.

Damit würden die Grenzen zwischen einer Einzelpatenschaft und einer Projektpatenschaft verwischt, hält Jacqueline Augsburger von der Zewo fest: "Dies ist eine irreführende Sammelmethode, weil die Paten nicht korrekt informiert werden." Das ist mit ein Grund, weshalb World Vision Schweiz noch immer auf die Zewo-Schutzmarke warten muss. Man lehne Einzelpatenschaften als Marketinginstrumente ab, da damit das Kind zu Werbezwecken missbraucht werde, sagt Jacqueline Augsburger.


Experten warnen vor dubiosen Spendenfängern

Für Ben Jakob ist dieser Vorwurf an den Haaren herbeigezogen: World Vision drücke sich in den Unterlagen klar aus. Jetzt wolle sich das Hilfswerk anderweitig, etwa bei der Stiftung für Konsumentenschutz, die Lauterkeit seiner Werbung beglaubigen lassen. Auch das dürfte jedoch schwierig sein: Denn die Konsumentenschutzorganisation vergibt gar keine Prädikate und Gütesiegel für die Arbeit von Hilfswerken, erklärt sie gegenüber saldo.

Die Zewo beobachtet, dass fast ausschliesslich internationale Hilfswerke oder deren Schweizer Zweigstellen in grossem Stil für persönliche Patenschaften werben. Eingesessene Schweizer Hilfswerke wie HEKS und Unicef hätten schon länger zu Kollektiv- und Projektpatenschaften gewechselt. Deren Begründung: Einzelpatenschaften hafte eine paternalistische Denkweise an, welche die gesellschaftlichen und weltweiten Zusammenhänge für die Not der Kinder ausblende. "Erwachsene im Norden bestimmen darüber, was für Kinder im Süden gut ist", kritisiert Entwicklungsexperte Michael Schwahn von Terre des Hommes Schweiz. Und der Genfer Soziologieprofessor und Experte für die Dritte Welt Jean Ziegler warnt besonders vor dubiosen Agenturen, die als Hilfswerk getarnt mit herzigen Kindergesichtern auf Spendenfang gehen: "Das ist eine Ausbeutung der Gefühle, ein Betrug am Spender", regt sich Ziegler auf und fordert: "Solche Machenschaften sollten gesetzlich verboten werden."

Stefan Hartmann



Patenschaften - Darauf müssen Spender achten

Besonders in der Vorweihnachtszeit bemühen sich Agenturen und Hilfswerke um das Geld von gutgläubigen Spendern. Die Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmen Zewo sagt Ihnen, wie Sie sich vor unliebsamen Überraschungen schützen können:

° Lassen Sie sich nicht zum Spenden nötigen. Es ist Ihre freie Entscheidung, ob, wann und wem Sie etwas spenden. Seriöse Hilfswerke drängen nicht!

° Überlegen Sie zuerst, wofür Sie spenden wollen. Welchen Zweck verfolgen Sie mit Ihrer Spende?

° Fragen Sie sich vor dem Spenden, ob Sie auch genügend über die Institution und ihre Projekte wissen. Schauen Sie sich den Prospekt an: Sind darin Zweck, Notwendigkeit und Umfang des Vorhabens beschrieben? Alle vertrauenswürdigen Hilfswerke geben gerne und kompetent Auskunft.

° Wenn Sie an der Haustür, auf der Strasse oder am Telefon um Spenden gebeten werden, verlangen Sie im Zweifelsfall Unterlagen und einen Einzahlungsschein.

° Treffen Sie eine Auswahl. Es ist besser, einige sorgfältig ausgewählte Werke mit einem etwas grösseren Geldbetrag zu unterstützen, als die verfügbaren Mittel auf mehrere Stellen zu verteilen. So kommt nicht nur ein grösserer Teil Ihres Geldes bei den Hilfebedürftigen an, Sie haben auch die Möglichkeit, sich intensiver mit den von Ihnen ausgesuchten Werken zu befassen.

° Achten Sie auf das Zewo-Gütesiegel.



Hilfswerke - Die Hälfte der Spenden für Werbung

World Vision ist nicht das einzige Hilfswerk, das mit Kinderpatenschaften grosses Geld macht. Auf Einzelpatenschaften setzt auch Pro Adelphos in Winterthur. 1997 nahm diese Organisation in der Schweiz 1,2 Millionen Franken Spendengelder ein - davon floss rund die Hälfte, 524 000 Franken, in Werbung und Infoarbeit. Kritik der Zewo: Es handelt sich um den Schweizer Ableger einer internationalen Organisation ohne breit abgestützte Mitgliedschaft in der Schweiz. Eine einzige Person hat weitreichende Befugnisse. Zudem steht die missionarische Tätigkeit im Vordergrund.

Das Hilfswerk Diaconia in Beinweil am See AG nahm 1999 knapp eine Million Franken Spendengelder für Kinderpatenschaften ein. Nach eigenen Angaben gingen diese zu 100 Prozent an notleidende Kinder (von Osteuropa bis Asien). Der Verwaltungsaufwand wird aus allgemeinen Spenden bestritten. Kritik der Zewo: religiöse Tätigkeit im Vordergrund.

International Relief in Zürich nahm 1997 vier Millionen Franken von Spendern ein. Zwei Millionen, also nur die Hälfte, kamen Kindern zugute. Kritik der Zewo: Ableger einer internationalen Organisation ohne breit abgestützte Mitgliedschaft in der Schweiz, drei Leute in der Schweiz sind für das reine "Sammelgefäss" verantwortlich.

Das Hilfswerk Co-Operaid in Zürich (seit kurzem Zewo-Mitglied) lässt seine 350 Einzelpatenschaften auslaufen. Aide directe in Unterseen BE hat seit 1998 keine solchen mehr. Trotzdem lehnte die Zewo ein Gesuch für ein Gütesiegel ab. Gründe: weltanschauliche Ausrichtung unklar, abhängig von einer Person, die eigenmächtig entscheiden kann.
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