Klimafreundliche Autos lassen die Kantone kalt

saldo 3/2005 vom

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Die Kantone belohnen umweltfreundliche Autos zu wenig. Das zeigt eine saldo-Recherche zu den kantonalen Motorfahrzeugsteuern. Mit gutem Beispiel voran geht das Fürstentum Liechtenstein.

Die Schweiz muss den Ausstoss von klimaschädigendem Kohlendioxid (CO2) senken. Mehr als ein Drittel stammt aus dem Strassenverkehr. Der Bund und die Vereinigung der Schweizer Automobil-Importeure (Auto-Schweiz) haben darum Anfang 2002 eine Vereinbarung unterschrieben. Ziel: Der Treibstoffverbrauch bei Neuwagen soll bis 2008 von durchschnittlich 8,4 Litern pro 100 Kilometer (l/km) auf 6,4 l/km sinken. Damit wird auch der CO2-Ausstoss reduziert.


Trend zu Offroadern verschlechtert die CO2-Bilanz

Die Vereinbarung ist jedoch alles andere als auf Zielkurs. «Die Absenkung läuft nicht so rasch wie gewünscht», hält Auto-Schweiz im Jahresbericht 2003 fest. Das liege in erster Linie am Kaufverhalten der Konsumenten. Der Trend zu hoch motorisierten Offroad-Fahrzeugen sei «kontraproduktiv». Diese schlucken zu viel Treibstoff und stossen Unmengen CO2 aus.

Die Kantone hätten mit der Motorfahrzeugsteuer ein Instrument in der Hand, um CO2-arme Fahrzeuge zu fördern. Nutzen sie diese Möglichkeit? saldo und Topten.ch erhoben bei den Strassenverkehrsämtern der Deutschschweiz die Steuerkriterien und Vergünstigungen für umweltfreundliche Autos und die Höhe der Motorfahrzeugsteuer.

Als Beispiel dienten zwei sehr unterschiedliche Fahrzeuge: der VW Golf Variant Bifuel und der Land Rover Discovery 2.7 TD V6. Der Golf (1509 kg Leergewicht, 102 PS) verfügt über einen Erdgasmotor, der wahlweise mit Gas oder Benzin betrieben werden kann. Der CO2-Ausstoss liegt im Gasbetrieb mit 148 Gramm pro Kilometer sehr tief. Ganz anders der Land Rover (2570 kg Leergewicht, 190 PS): Er hat einen Dieselmotor ohne Partikelfilter und stösst pro Kilometer 249 Gramm CO2 aus. Der VW Golf Variant Bifuel bläst auch viel weniger Ozon bildende Kohlenwasserstoffe und Stickoxide in die Luft als der Land Rover. Besonders ins Gewicht fällt, dass krebserregende Russpartikel im Unterschied zum ungefilterten Dieselmotor des Land Rovers ganz wegfallen.


Kanton Luzern: Starker Steuervorteil für den VW Golf

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die ökologischen Vorzüge des VW Golf Variant Bifuel die meisten Kantone kalt lassen (siehe Tabelle). Am kleinsten fällt der Unterschied zwischen den Steuerbelastungen im Kanton Wallis aus. Hier zahlt man für den Land Rover 284 Franken, für den VW Golf 223 Franken. Der Unterschied zwischen der CO2-Schleuder und dem Klimaschoner beträgt also lediglich 61 Franken. Ähnlich klein sind die Differenzen in Zug (85 Franken), Aargau, Thurgau und Schaffhausen (je 96 Franken).

Der grösste Steuerunterschied zeigt sich im Kanton Luzern: Die Motorfahrzeugsteuer kostet hier für den VW Golf gerade mal so viel wie eine Autobahnvignette: 41 Franken. Für den Land Rover zahlt man 501 Franken - zwölfmal mehr. Der Grund: Luzern gewährt für den VW Golf Variant Bifuel 80 Prozent Vergünstigung auf den tiefsten Steueransatz bei Personenwagen.

Gross sind die Steuerunterschiede auch im Kanton Basel-Land. Hier fallen 880 Franken für den Land Rover und 512 Franken für den Golf an. Die Differenz beträgt 368 Franken. Ebenfalls deutliche Unterschiede gibt es in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden (355 Franken), Bern (345 Franken), Uri (335 Franken), Appenzell Innerrhoden (312 Franken) und Freiburg (271 Franken). In diesen Kantonen wird die Motorfahrzeugsteuer - mit Ausnahme von Freiburg - nach dem Gesamtgewicht erhoben.


Elektrofahrzeuge: Gratis in Solothurn, Zürich und Glarus

Unübersichtlicher Föderalismus herrscht auch bei den steuerlichen Vergünstigungen für umweltfreundliche Fahrzeuge. Dazu gehören etwa Elektro-, Gas- oder Hybridfahrzeuge. Die Kantone Aargau, Appenzell Innerrhoden, Schaffhausen und Thurgau gewähren überhaupt keine Vergünstigungen. 17 Kantone reduzieren die Motorfahrzeugsteuer bei Elektrofahrzeugen. Die Vergünstigungen reichen vom 20-Prozent-Rabatt wie in Basel-Stadt bis zur Steuerbefreiung in Glarus, Solothurn und Zürich.

Für gasbetriebene Personenwagen gewähren neben Luzern nur zwei Kantone Steuervergünstigungen: In Freiburg gibt es 30 Prozent auf den Normaltarif, und im Kanton Basel-Land entfällt die Steuer ganz, wenn ein Auto mehr als die Hälfte der Gesamtreichweite mit Erdgas, Biogas oder Elektrizität zurücklegen kann. Pech für den erdgasbetriebenen VW Golf Bifuel: Er erfüllt dieses Kriterium nicht.

Die Steuer von Hybridfahrzeugen, die sich mit einer Kombination von Benzin- und Elektromotor fortbewegen, wird nur in fünf Kantonen reduziert. Appenzell Ausserrhoden, Obwalden und Zürich gewähren 50 Prozent, Freiburg 30 Prozent Steuervergünstigung. In Luzern gilt die gleiche Regelung wie für Gas- und Elektrofahrzeuge.

Das Beispiel des gasbetriebenen VW Golf zeigt, wie weit die Steuerschere zwischen den Kantonen bei klimafreundlichen Fahrzeugen auseinander geht. Die höchste Steuer verlangt der Kanton Bern (632 Franken), fünfzehnmal mehr als Luzern (41 Franken).


Neue Konzepte sind steuerlich immer noch benachteiligt

«Die Steuergesetze sind völlig veraltet», sagt Kurt Egli, Projektleiter der VCS-Auto-Umwelt-Liste. «Neue klimafreundliche Fahrzeugkonzepte wie Gas- und Hybridantrieb werden viel zu wenig berücksichtigt.» Die meisten Kantone fördern zwar Elektrofahrzeuge. Doch aufgrund ihrer geringen Reichweite, dem kleinen Platzangebot und hoher Anschaffungskosten können sie sich nicht durchsetzen.

Am konsequentesten ist das Fürstentum Liechtenstein. Im Ländle sind Elektro-, Gas- und Hybridfahrzeuge ganz von der Motorfahrzeugsteuer befreit. Der VW Golf hat hier gegenüber dem Land Rover einen happigen Steuervorteil von 750 Franken pro Jahr.



Die besten Autos

Der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) veröffentlicht am 25. Februar die umfassende Liste mit den umweltfreundlichsten Autos (www.autoumweltliste.ch). Die Online-Suchhilfe www.topten.ch präsentiert gleichzeitig die besten Autos in den verschiedenen Kategorien und die ausführlichen Ergebnisse zur Motorfahrzeugsteuer-Umfrage.
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