Medien weibeln für die Tourismusbranche

K-Tipp 20/2017 vom

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Die Tourismus­branche versucht, die Schweiz als preiswertes Ferienland zu positionieren. Viele Zeitungen ­helfen eifrig mit.

Günstig Ferien machen in der Schweiz? Kein Problem! Diesen Eindruck vermittelten die Schlagzeilen mehrerer Zeitungen in den vergangenen Wochen. «Schweizer Berg­hotels sind nicht mehr ­teuer», jubelte etwa die «Aargauer Zeitung». 

Den Anfang machte die «Hotel-Revue». Am 5. Oktober titelte das Branchenblatt: «Die Schweiz ist nicht mehr teurer.» Seit rund sieben Jahren seien die Hotelpreise am Sinken. Im Südtirol dagegen könne man Hotels finden, bei denen der Zimmerpreis in ähnlichem Umfang gestiegen sei. 

Als Beleg führte die «Hotel-Revue» einen Vergleich zwischen zwei Vier­Sterne-Superior-Hotels in Scuol GR und im Südtiroler Ort Naturns an – den das Bündner Hotel mit 185 Franken pro Nacht und Person für sich entschied. Eine Übernachtung im Tiroler Hotel kostete 227 Franken. 

Doch der Vergleich hinkt: Beim Bündner Hotel sind nur Frühstück und ein Zvieri inbegriffen, im Südtirol dagegen Frühstück, Mittagsjause und ein Abendessen à la carte. Zudem bietet das Südtiroler Hotel Kinderbetreuung von 13 bis 21 Uhr an.

Das Beispiel zeigt: Hotelvergleiche ohne präzise Abklärung der inbegriffenen Leistungen ergeben ein unvollständiges Bild. Dazu kommt, dass der Übernachtungspreis nur ein Kostenfaktor in den ­Ferien ist. Vor Ort entstehen weitere Kosten, etwa fürs Mietauto oder Restaurants. Das sieht selbst die «Hotel-Revue» ein und verweist auf die «weiterhin günstigere Gastronomie im grenznahen Ausland».

Falschinformationen zu Skibillettpreisen

Den Lesern wurden auch billigere Skibillette vorgegaukelt. Auch hier legte die «Hotel-Revue» vor mit der Behauptung: «Skifahren wird in der Schweiz generell günstiger.»

Kurz darauf verkündete die «Schweiz am Wochenende» begeistert: «Schweiz wird günstiger.» «Tages- Anzeiger» und «Bund» übernahmen später den Titel unverändert.

Die Fakten sehen anders aus: Ein K-Tipp-Preisvergleich zeigt, dass in 20 von 40 Skigebieten die Preise für Tageskarten gegenüber dem letzten Winter ansteigen – im Durchschnitt um 2,1 Prozent. In den restlichen 20 Skigebieten bleiben die Preise unverändert (Ausgabe 19/2017).

Wie kommen die Zeitungen zu ihrer Behauptung? Die Journalisten stützten sich alle auf eine deutsche Studie. Die besagt aber nur, dass Ski­fahren in der Schweiz für Touristen aus Euro-Ländern günstiger geworden ist. Und zwar, weil der Euro gegenüber dem Franken an Wert gewonnen hat. Schweizer Skifahrer haben davon nichts. 

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